Das Finstertal

das finstertal liegt nicht idyllisch im allgäu. es liegt hier, und darin lebe ich und ein gemeiner meuchelmörder namens brustkrebs, der hinter mir her ist und mir nach dem leben trachtet. und ich weiß nicht, ob er mich nicht plötzlich aus dem hinterhalt erwischt. und es gibt in dem tal einen fluss der tränen. gestern noch voller zuversicht, heute im finstertal. meist genügt das zarte pusten einer altersschwachen zwergameise, um mich, einfach mal so, in dieses finstertal zu werfen. zack, drin. so wie gestern abend.

eins kann ich 2 monate nach der diagnose mit gewissheit sagen: brustkrebs ist eine achterbahnfahrt mit ganz extremen auf und abs und das auch noch in einem rasanten wechsel und die abs überwiegen. und noch was: brustkrebs ist scheiße. ich hasse brustkrebs. und ich habe keinen bock drauf. warum bekommen nette menschen brustkrebs und nicht ganz fiese elende ekelbrocken? das weiß natürlich wieder keiner.

nützt alles nichts. ich muss mich wieder auf den aufstieg machen und das ist jedesmal anstrengend und braucht so viel kraft. manchmal hockt man dann in dem tal und denkt: wie soll ich da bloß jemals wieder rauskommen? wie soll ich das bloß schaffen? ist doch eh egal. ich kratz ja sowieso ab, dann ist ruh. ja, SOLCHE gedanken hat man dann. nicht schön ist das. macht keinen spaß, nein. aber gehört wohl offenbar dazu. vermutlich muss man sich diese gedanken auch zugestehen, denn nur so gehen sie auch wieder weg und machen anderen, positiven gedanken platz.

ich wollte und will immer stark sein und bin es auch. bei meiner fiesen scheidung vor 11 jahren und diversen anderen schicksalsschlägen wurde mir von außen jeweils attestiert: „bewundernswert, wie stark du ist!“. ja, soll man sich denn jedesmal einen strick kaufen, wenn es eng wird? wat mut, dat mut. aber der gegner jetzt, der ist schon ein kaliber. dagegen waren die herausforderungen der vergangenheit ein klacks. und dieser gegner macht mir so eine scheißangst. eigentlich würde ich mich lieber in die ecke hocken und heulen anstatt stark zu sein.

ich war gestern nachmittag das erste mal zur lymphdrainage. es war das erste mal seit meiner foltertour der vergangenen wochen, dass mein körper nicht gestochen und sonstwie malträtiert, sondern massiert wurde. ich lag auf der liege und der nette junge mann massierte mich und erklärte mir alles. ich lag also da, schaute aus dem fenster und kam mir vor wie eins dieser unfallauto-wracks, die man im fernsehen oder in zeitungen sieht. ramponiert. ausrangiert. als ich wieder zu hause war und schlapp auf dem sofa lag, wusste ich plötzlich, was eine bekannte damit meinte, als sie mir erzählte, sie fühle sich nach der lymphdrainage wie ein geprügelter hund. dasvtrifft es hervorragend. ich konnte es gestern noch toppen: ein ganz armer geprügelter hund, nass, alleine und man hatte ihn den ganzen tag gehauen, windelweich.

als krönender abschluss habe ich mich dann noch mit meinem mann gestritten. mein mann, der mir in den ersten wochen großartig beigestanden hat, wird ungeduldig. es ist schwer, jemandem, der keine krebsdiagnose hat, zu erklären, dass es für einen die bislang gewohnte „normalität“ nicht mehr gibt. schluss mit taka-tuka-land. dass man in einer normalität lebt, in der kurz zuvor eine nukleare katastrophe stattgefunden hat und nun irrt man umher und sucht nach anhaltspunkten, wie es weitergeht. ein echt erfolgreicher tag.

alles scheiße, deine ellie.

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2 Gedanken zu „Das Finstertal

  1. nützt ja jetzt auch nix mehr, wenn ich dir ein halbes jahr später schreibe, daß du den kopp hochnehmen sollst, auch, wenn der hals dreck’sch ist ;)?

    ach, ick weeß ja ooch nich.

    • du bist die einzige, die sich bislang getraut hat, hier zu kommentieren. ich glaub, ich hätte mir auch überlegt, hier zu kommentieren. ist der finsterste eintrag von allen. wenn ich das jetzt so lese, 7 monate später, merke ich, wie unendlich viel besser es mir nun geht. aber auch, wie beschissen es ist, an brustkrebs zu erkranken.

      aber es geht mir unendlich viel besser und das zählt!

      alles liebe und danke für deinen mut, hier was zu hinterlassen, ich weiß das zu schätzen, ehrlich 😆

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