die spreu trennt sich vom weizen

ich bin heute nachdenklich. gut drauf, keine angst! aber seit heute morgen mache ich mir so meine gedanken über den brustkrebs an sich. klar, ich bin ohnehin noch in der phase, in der ich fast ständig darüber nachdenke, aber ich merke, dass sich die qualität der gedanken ändert. ich glaube, ich habe ein bisschen distanz gewonnen.

ich war in meinem leben schon häufig krank, auch mal ernsthafter. jetzt erlebe ich, dass es ein riesenunterschied ist, ob man an etwas erkrankt, von dem man weiß, dass es nach einer bestimmten zeit geheilt ist oder an etwas, von dem man letztendlich nie weiß und wissen wird, ob es geheilt ist oder nicht. das ist schon ganz schön bedrohlich. kein wunder, dass ich nachdenklich bin! während man seine therapie macht, zur bestrahlung geht (ich glückspilz muss ja nicht zur chemo), tamoxifen nimmt und was man sonst noch so macht, leistet die psyche eine mordsarbeit indem sie versucht, sich an eine situation anzupassen, mit der man grundsätzlich erstmal völlig überfordert ist. tod. sterben. mit sicherheit die 2 top-themen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will. höchstens vielleicht, wenn man 99 1/2 jahre alt ist und auf ein erfülltes leben zurückblicken kann.

und plötzlich musst du dich damit auseinandersetzen. ich bin zutiefst beeindruckt und fasziniert, wie stark die psyche,wie groß der lebenswille und wie mächtig das bedürfnis, glücklich zu sein, ist. meine diagnose ist jetzt 3, die operation erst 2 monate her, was für eine kurze zeitspanne. vor 3 monaten noch dachte ich, mein leben sei zu ende und jetzt, 3 monate später, spüre ich immer öfter wieder hoffnung und zuversicht, doch noch mit 99 1/2 jahren auf ein erfülltes leben zurückblicken zu können.  trotz des ständig im untergrund tuckernden angstmotors. ich nehme ihn wahr, aber er jagt mir nicht mehr so ein grauen ein. der psychoonkologe, bei dem ich war, hat mir eine knacknuss mit auf den weg gegeben: „niemand weiß, wann er stirbt. sie, genausowenig wie ich, der im moment vermeintlich gesund ist. nehmen wir mal an, sie bekommen in 13 jahren einen rückfall. wie wollen sie die zeit von jetzt bis dahin verbringen: voller angst davor oder voller freude? sie können sich entscheiden!“ das hört sich gar nicht so schwer an, wenn man gesund ist und keine krebsdiagnose hat. aber er hat recht. im moment muss ich diese entscheidung jeden tag aufs neue treffen. dafür braucht es viel mut, kraft, zuversicht, hoffnung und glaube.

mein leben hat seit der diagnose eindeutig eine neue qualität bekommen. ich nehme viele dinge bewusster wahr und weiß gerade die kleinen dinge wieder viel mehr zu schätzen. gestern war ein sonniger, warmer tag. mein mann kam früher von der arbeit und schlug einen gang in die stadt vor. so spazierten wir mit einem überglücklichen joschi in die stadt, setzten uns auf 2 sonnige stühle in der altstadt und tranken 1 glas wein. ich saß in der sonne, ließ mir die sonne auf den pelz scheinen, schlürfte an meinem rotwein und dachte: „wie schön, dass ich lebe.

dann ist es so, dass mir so manches, was mir früher super wichtig war, plötzlich schnurz ist. ich gebe im moment lieber 300 € für akupunktur aus als für klamotten. was bringt schon ein schlapper, kranker, vernachlässigter körper im teuren fummel? nicht viel. also investiere ich jetzt lieber in meine gesundheit.

ich habe heute post bekommen. es gibt da einen besonderen freund von mir. er ist inder, jesuitenpater und lehrt in rom an der gregorianischen universität. ich habe ihn vor ca. 15 jahren auf einer konferenz in genf kennengelernt, seitdem sind wir in kontakt geblieben. ich mag ihn sehr gerne. vor ca. 3 wochen habe ich ihm geschrieben, da mir wichtig war, dass er weiß, was mit mir ist. heute kam die antwort. hier ein paar asuzüge aus seinem brief: „ich begreife deine gefühle und stimmung…du musst großen mut und vertrauen haben. mit hoffnung kann man viel gewinnen….ich werde dich in meine gebete einschließen.“ nachdem ich den brief fertiggelesen hatte, dachte ich an die bekannte, die mir kürzlich sagte: „naja, wenigstens war es dafür gut, dass ich jetzt zur vorsorge gegangen bin.“

was ich mit all dem sagen will: das leben ist ein geheimnis, das gelebt und kein problem, das gelöst werden muss. la vie est belle!

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8 Gedanken zu „die spreu trennt sich vom weizen

  1. Es ist immer gut, wenn man darüber nachdenkt, über den Tod. Und natürlich weiß niemand, wann er „dran“ ist. Wie Du schreibst, vermeintlich Gesunde können morgen schon tot sein. Ein Unfall, ein plötzlicher Sekundentod, alles ist möglich. Es ist immer gut, NICHT zu wissen, wann man dran ist. Auch wenn man eine lebensbedrohliche, evtl. tödliche Krankheit hat. Sonst hätte man ja keine Hoffnung mehr? Nur im Heute leben, das ist eine Kunst, an der ich mich ja auch übe. Was nützt Dir das Gestern? Nix. Was hast Du für Ängste wegen Morgen? Heute ist das Leben, so versuche ich immer zu sagen. Klappt natürlich nicht immer. Aber immer öfter. Und bestimmt auch bei Dir! Ein schöner Satz: „das leben ist ein geheimnis, das gelebt und kein problem, das gelöst werden muß“ SUPER!!!

    • Liebe Lola,

      ich glaube, dass man über die Auseinandersetzung mit seinen Ängsten mutiger wird und die Ängste ihre Macht verlieren. So erlebe ich es im Moment jedenfalls. Heute ist das Leben, da hast du Recht!

      Der Satz ist übrigens von meinem Vater, er hat ihn mir vor einiger Zeit nach meiner Diagnose eingerahmt geschenkt. Jetzt seh ich ihn immer, wenn ich aufwache.

      Liebe Grüße, Katerwolf

  2. Ich bewundere deine Kraft und Stärke und auch deine positive Einstellung.
    Nachdenklich sein und mit dem allem Auseinandersetzen ist gut, das hilft.
    Du hast zudem noch eine ganz großartige Familie, auch das ist so wichtig.

    Ich wünsche dir, das dir deine positive Haltung, Stärke und Kraft nie verloren geht und das immer Menschen in deiner Nähe sind, die dich noch Stärker machen.

    Liebe Grüße
    Eri

    • Liebe Eri,

      wow, das ist ECHT nett, was du schreibst. Und ich danke dir sehr für deine guten Wünsche und deinen positiven feedback. Tut mir gut!

      Ich wünsche dir auch alles Liebe, vor allem auch artige Hunde 😆

      Liebe Grüße, Katerwolf

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