Goldene Kindheit oder: Nostalgie, verlass mich nie!

gestern war nostalgietag. mittags war ich bei meinen eltern zum oster-essen. als ich nach hause kam, war ich irgendwie ganz nachdenklich und traurig und schwelgte in erinnerungen. vielleicht, weil ich mich im moment so nach einer zeit sehne, in der die welt noch in ordnung war. nach einer zeit vor meiner brustkrebs-diagnose. nach einer zeit der unbeschwerten kindheit, in der noch alles vor einem lag, eine strahlende sonnige zukunft voller abenteuer und verheißungen.

nachmittags kam meine gute freundin anne, der goldschatz, vorbei um mir am feiertag ein bisschen gesellschaft zu leisten. ich war ziemlich schlapp und redefaul und da hatte ich eine idee. „im fernsehen kommt gleich tom sawyer und huckleberry finn. die alte version von ´68. na, sollen wir?“ ein begeistertes „ja!“ war die antwort. und so tauchten wir 1 1/2 stunden in die wunderbare welt von tom & huck ein. was für eine grandiose idee, kann ich nur sagen! wir hatten den film beide vor gefühlten 100 jahren das letzte mal gesehen. von einer sekunde auf die andere saßen wir staunend und nostalgie-gefüllt bis unter die haarwurzeln auf dem sofa und gaben uns seufzend den abenteuern der beiden lausbuben hin: tom mit seinem unvergleichlichen topfschnitt, dem frechen gesicht, abstehenden ohren und vor schmutz starrenden kleidern. tom, der sich nie wäscht, nur so tut als ob, während er auf der veranda mit den fingern in der großen waschschüssel plantscht und dabei brrrr-geräusche mit dem mund macht. tom, der vollständig angezogen im bett liegt, nur damit er um mitternacht, wenn huck von unten das käuzchen-signal gibt, sofort bereit ist, aus dem fenster auszusteigen und abenteuern entgegenzustreben. tom, der die schule schwänzt, weil es spannendere dinge gibt; der sich in becky verliebt, ihre aufmerksamkeit durch unnachahmlichen charme, radschlagen, pfeifen und zum-lachen-bringen erlangt (hey ihr männer da draußen, so geht das!!) und wieder verliert. erinnert ihr euch noch an die szene, als tom zur strafe tante polly´s ganzen, ewig langen zaun streichen muss und durch eine finte erreicht, dass alle dorfkinder ihn dafür bezahlen, nur damit sie den zaun streichen dürfen, während tom auf einer tonne sitzt und mundharmonika spielt und mit den zehen wackelt? oder daran, wie er mit huck auf einem floß auf die johnson-insel flieht und sich dort versteckt, damit alle glauben, er sei tot? nur weil er rausfinden will, ob seine tante polly, seine große liebe becky und alle anderen um ihn trauern?

und huck, der obdachlose sohn eines säufers, das schmuddelkind, mit dem keiner spielen darf und der perfekte abenteuer-gefährte für tom. oder die gute alte tante polly mit ihrem riesigen häubchen und ebenso riesigem herz. und indianer jo, der böse, düstere mörder, der perfekte kinderschreck und tunichtgut, der, nur mit einem messer bewaffnet, nichts gutes im schilde führt. nicht zu vergessen: sam, der nigger.

und jetzt stellt euch die geschichte mal ins heute transferiert vor: tom würde vermutlich eine hauptrolle in teenager außer kontrolle oder in die supernanny spielen, wo er den ganzen tag in der wuthöhle und auf der stillen treppe verbringen müsste. huck wäre ein armes, verwahrlostes assi-kind und ein fall für das jugendamt. indianer-jo? vermutlich ein psychopathischer massenmörder. sam, der nigger, würde wegen politischem unkorrektsein aus dem drehbuch geschnitten werden.

gestern nachmittag waren anne und ich aber emotional und mental in einer zeit, in der so etwas noch möglich war. nix fernsehen, computer, handy und koma-saufen in der disco. stattdessen natur, flüsse, felder und wiesen, scheunen, in denen man sich verstecken und höhlen, die man erkunden konnte. eine welt voller geheimnisse und abenteuer und der notwendigkeit, seine fantasie einzusetzen, wenn man etwas erleben wollte. es war wohl auch eine zeit, die kindern den hierfür notwendigen lebensraum gab. in der man nicht immer und überall per handy erreich- und kontrollierbar war. ich selbst erinnere mich noch daran, dass wir kinder zuweilen den ganzen tag in der gegend umherstreiften, ohne dass die erwachsenen wussten, wo wir waren. und das war auch in ordnung so! wie haben wir das nur überlebt? 😆

es war herrlich, sich gestern dieser welt hinzugeben, in gedanken wieder über felder und wiesen zu streifen, heuschrecken und schnecken zu fangen, sauerampfer zu kauen und abends nach einem langen, ereignisreichen tag, und nach dem sandmännchen natürlich, müde und zufrieden ins bett zu fallen. mir kam der gedanke, dass dies mental ein ort der kraft sein könnte, ein ort der gesundung. in diesem sinne: heute kommt auf 3sat der 2. teil. und ferien auf saltkrokan und pippi langstrumpf habe ich mir bestellt. via internet. man kann das rad der zeit ja nicht rückwärts drehen 😉

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6 Gedanken zu „Goldene Kindheit oder: Nostalgie, verlass mich nie!

  1. Erinnerungen sind Bilder der Vergangenheit die uns niemand nehmen kann.
    Sie sind aber auch Orte an die man sich flüchten kann,wenn es einem nicht so gut geht.Und für eine kurze Zeit ist wieder alles okay.

    Schöne Erinnerungen sind Dinge an denen wir festhalten müssen.

  2. Hallo Katerwolf,

    muß erst mal alles nach den Feiertagen nachlesen.
    Gestern waren wir beim Sohn mit Familie, heute kommt meine Tochter mit Familie, da werde ich bis Mittwoch sehr eingespannt sein.
    Wünsche Dir einen angenehmen Ostermontag.

    GLG Marianne 😉

  3. Oh, Sie sprechen mir aus der Seele!!
    Ganz besonders schlimm berühren mich (achtung, nicht lachen) die „Immenhof – Filme“ mit Heidi Brühl als junges Mädchen.
    Ich weiss nicht, was es ist, aber das geht mir so ans Herz, dass ich oft über die gesamte Dauer sitze und weine…
    Vermutlich schon auch die heile Welt, frei von Verantwortung und keinem Bewusstsein für die Dinge, die nicht so laufen können, wie man sich das wünscht.
    Alles Liebe

  4. Ich bin auch gerne mal wieder ein Kind und ich habe so Erinnerungen, die wohl immer präsent sein werden.

    In den Ferien durfte ich immer zu meinen Großeltern nach Westfalen, ganz allein, ohne meine Geschwister, die immer tierisch nervten.

    Das war meine schönste Zeit und wenn das Korn gemäht wurde, dann roch es so wunderbar, aber in mir stieg eine Traurigkeit hoch – denn wenn das Korn gemäht wurde, dann waren die Sommerferien fast zu Ende.
    Auch heute noch sehe ich es ungern, denn auch dann ist der Sommer bald vorüber und ich liebe ihn doch so sehr.

    GLG Marianne 🙂

    • liebe marianne, solche erinnerungen sind wirklich ein schatz, auf den man in schwierigen zeiten zurückgreifen kann. hmmm, ich kann das korn förmlich riechen 😆

      liebe grüße, katerwolf

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