Bericht aus der Reha: rohes Ei

also, wenn man so den ganzen tag lang nur mit sich selbst beschäftigt ist, sport macht, spazieren geht, fahrad fährt, am strand sitzt (hartes schicksal, ich weiß) und alle alltäglichen verpflichtungen vom hals hat, dann hat man vor allem eins: zeit für sich selbst. und zeit zum nachdenken. ohne dass einen jemand stört. und das ist ganz schön ungewohnt. und man wird ganz schön mit sich selbst konfrontiert. und wenn man dann auch noch ein gespräch mit dem klinik-psychologen führt, was auch zum therapiekonzept gehört, dann kann das auch ganz schön haarig werden. vor allem, wenn er einem auf den zahn fühlt.

kurz und knapp: ich hatte dann gestern ne krise. hatte das gefühl, dass sich in mir plötzlich ein neuer, großer raum geöffnet hat. und der war total leer. das fand ich eher beunruhigend. so gar nichts drin. tja, sowas kann passieren, wenn man sich jahrelang nur auf die arbeit und familie konzentriert und sich ansonsten perfekt abgelenkt hat. hier funktioniert das nicht so richtig. und das ist gut so. aber auch erschreckend. ich schaue mir den raum nun mal genauer an und dann richte ihn ihn langsam ein. und packe ihn nicht voll. vielleicht lasse ich ihn auch ein weilchen einfach mal leer. und fülle ihn zunächst mit einer kleinen schwarzweißen olivenschale in hundeform. dann sehen wir mal weiter.

als ich gestern eine stunde am abend im strandkorb saß und auf das meer schaute, hatte ich plötzlich das gefühl, eine alte bekannte habe sich neben mich gesetzt. eine, die ich jahre nicht mehr gesehen habe. ich glaube, das war ich. ganz schön lange nicht mehr gesehen. wo hat sie nur gesteckt? was hat sie nur gemacht? hier passieren merkwürdige dinge mit mir. ich fühle mich wie ein rohes ei.

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10 Gedanken zu „Bericht aus der Reha: rohes Ei

  1. laß dir zeit mit der einrichtung. leere räume wirken viel größer. in ihnen hallt es, das ist schon unheimlich. es ist gut, daß du zeit hast, dein inneres umzukrempeln. denn etwas hat sich sehr stark verändert. das zu akzeptieren, braucht eine weile und ist nicht mit ein paar schnitten getan. und vielleicht fühlst du dich bald wie ein kräftiger baum. das wünsche ich dir.

  2. Als ich mich vor einigen Jährchen einer Psychotherapie mit anschließender Psychoanalyse unterzogen hatte, bin ich des Öfteren auf solch unentdeckte Räume meines Seelenpalastes gestoßen. Und gewann immer mehr den Eindruck, dass eine menschliche Seele schier unermesslich groß ist, man kann noch so lange und so eifrig durch ihre Flure, Nischen, Säle, Kämmerchen, auch Verließe und Kellergewölbe wandern, und hat doch niemals das Gefühl, dieses Terrain endgültig erkundet zu haben. Außerdem hatte ich da den überwältigenden Eindruck, dass die Ausmaße meiner Seele die meines Körpers bei weitem übertreffen. Solch eine unendliche Vielfalt kann doch unmöglich zwischen ein paar Haufen Knochen, einigen Bündeln Adern und Muskeln und Gewebe gefangen sein…
    Herzlichst! 🙂
    Margot

  3. Liebe katerwolf,

    das kenne ich gut und kann dem unsicheren und sicher auch ängstlichen Gefühl sehr gut nachempfinden. Du hast das Bild mit der Bekannten, die sich neben dich setzt wundervoll beschrieben. Ich musste gleich schlucken. Es ist schön und dennoch ungewohnt, wenn man sich selbst mal wieder nahe kommt.

    Alles Liebe,
    Emily

  4. Ja, auch kenne dieses leere Gefühl und es hat Jahre gedauert, bis ich endlich soweit war, daß ich vieles akzeptieren konnte. Ich war krank, meine Seele hat mich in meine Schranken gewiesen.
    Gib Dir Zeit und fülle Deine Räume, es wird werden.

    GLG Marianne !

  5. Schon (viel) zu lange ruft mich meine alte Bekannte zu sich. Und da ist dieser leere Raum, der sich immer größer auftut vor einem und doch ist der Schritt durch diese Tür ein großer. Für mich (noch) zu groß. Wenn du ihn tust, sei behutsam.
    Ich wünsche Dir alles Gute.
    Heidi

  6. @alle: hallo ihr lieben, 1000 dank für eure lieben kommentare zu meinem krisengipfel. das ist echt saulieb von euch 😆

    heute gehts auch schon wieder besser. ganz schöne reise, auf der ich da unterwegs bin. und ich bin ganz verwundert, dass ihr das auch kennt mit dem inneren, leeren raum. verrückt, oder, was man so alles erlebt?

    liebe grüße, katerwolf

  7. Tjaja, die bösen Psychologen…
    Schliesse mich den weisen Worten meiner Vorschreiberinnen an. Leere Räume können Angst machen, trotzdem sollte man sich Zeit lassen beim Einrichten.
    Woody Allen hat mal gesagt:
    „Ich gebe meinem Psychiater noch 1 Jahr, dann fahre ich nach Lourdes.“
    Auch ’ne Möglichkeit.
    Lieben Gruß,
    Juli

    • ist nach wie vor nur die hundeschale drin 😉
      habe beschlossen, den raum erstmal so zu belassen, freue mich einfach mal nur, dass er da ist. der spruch von woody allen ist klasse *lach*

      liebe grüße, katerwolf

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