Indien: andere Länder, andere Sitten

wie gesagt, es gibt da noch mehr erinnerungen an meine zeit in indien 😆

ich hatte mich mehr oder weniger auf meine 6-monatige reise nach indien vorbereitet. mehr oder weniger deshalb, weil in meinem kopf überwiegend erleuchtete wesen und blumengärten und maharadschatempel herumspukten. das war aber nicht schlimm, denn tatsächlich kann man sich nur schwer auf die konfrontation mit dieser drastisch anderen lebensweise, mit der bunten überfülltheit allerorts, mit dem geräuschpegel, den farben, dem geruch und der uns völlig fremden mentalität vorbereiten. indien überrollt einen wie ein psychedelischer tsunami. als ich nach gefühlten 100 stunden flugzeit um 3 uhr morgens völlig übernächtigt, gejetlagt und gemartert aus der holzklasse meines fliegers stieg und das flughafengebäude in delhi verließ, prallte ich gegen eine glutheiße wand aus hitze, krach und gestank. ich glaube, es waren etwa 5 millionen taxis und zwar autos, rikschas und mopeds, die uns flugreisende erwarteten. von den geschätzten 10 millionen verwandten, die ebenfalls warteten, abgesehen.

ich stieg zombieartig in eine motorisierte rikscha und fragte nach einem günstigen hotel. der rikschafahrer hatte natürlich einen cousin, der ein hotel hatte, sowas klappt immer. trotz meines völlig lädierten geisteszustands nahm ich wahr, dass auf der straße unzählige kühe herumlagen und geier herumsaßen. das hotelzimmer entpuppte sich als bretterverschlag mit pritsche und deckenventilator und kostete etwa 5 euro. für damalige verhältnisse perfekt. in den nächsten tagen ließ ich mich einfach treiben und erkundete delhi, was eine echte herausforderung ist 😉 . es war unglaublich heiß, voll, laut und über alle maßen faszinierend, was sich mir so an eindrücken bot. vor allem die menschen zogen mich in ihren bann: frauen in bunten saris und punjabi dress, männer in gewandartigen kleidern und turbanen auf dem kopf, jede menge rauschebärte aber auch genauso viele akurat gekleidete business menschen mit aktenkoffern, anzug und krawatte. und ein permanentes verkehrschaos. hupe ersetzt ampel, sage ich nur. ich bin gerne rikscha gefahren, man kommt relativ schnell voran und stärkt seinen mut unendlich, denn eine rikscha hat immer vorfahrt. ich vermute aber auch, dass grundsätzlich immer jeder vorfahrt hat. ich erinnere mich an eine fahrt, an der ich dringend einen bus erreichen musste. es war rushhour. der fahrer fuhr so halsbrecherisch, dass ich völlig steif in der rikscha saß und echte bedenken hatte, den busbahnhof lebend zu erreichen. es beruhigte mich auch keineswegs, dass der fahrer seine rikscha innen mit heiligenbildern tapeziert hatte und unentwegt vor sich hinsang:

„hare rama, hare krischna, rama rama, hare hare.“

als ich ihn fragte, warum er das tat, bekam ich in dem typischen indisch-englischem singsang zur antwort:

„madame, you neverrr know dirrrectly where you go. madame, maybe you live, maybe it happens you die. god only knows this. yes, madame. so it is always good, to prepare for you die, madame. you then dirrrectly go to god.“

wirklich sehr beruhigend. ich kam aber immer lebend am ziel an. war wohl gottes wille 😉

es ist auch erstaunlich, wie viele menschen in eine kleine rikscha passen und um eine rikscha herum und auf eine rikscha drauf 😉

eine erfahrung hat mich in den ersten tagen meines indienaufenthaltes besonders fasziniert. etwa am 3. tag nahm ich wahr, dass die straßen mit bettlern und obdachlosen, halbnackten menschen bevölkert war. es waren hunderte, tausende. waren sie vorher nicht da? sind sie über nacht plötzlich aufgetaucht? wohl kaum. wieso war mir das in den ersten tagen nicht aufgefallen? ich habe lange darüber nachgedacht. ich glaube, dass unsere wahrnehmung so etwas einfach überhaupt nicht kennt und daher erstmal ausblendet. nach einiger zeit passt sich die wahrnehmung an das fremde, neue an und der vorhang öffnet sich. vielleicht ist das eine art schutzmaßnahme des geistes. so sah ich auch erst nach einigen tagen überall prozeduren mit singenden menschen, die mit blumen geschmückte leichen auf bahren umhertrugen.

wer trägt bei uns schon seine verstorbenen verwandten mit blumen geschmückt singend durch die straßen? und halbnackte, unterernährte menschen, die abends zu tausenden die bürgersteige beziehen und dort essen, schlafen und leben, sieht man hier auch eher weniger.

auch das ist indien.

trotz all der widersprüche, die ich dort erlebt habe, verband mich binnen kürzester zeit eine große liebe mit dem land, die mich bis heute nicht losgelassen hat. ich bin damals sehr low buget gereist, mit rucksack und wenig geld. heute würde ich das land anders bereisen, das ist klar. aber gewisse dinge erlebt man vielleicht nur, wenn man einfach unterwegs ist. zum beispiel, dass man morgens die tür seines kleinen, ebenerdigen zimmerchens öffnet und auf der mauer gegenüber eine muntere affenschar hockt, die einen fröhlich anschaut. um dann wie eine wilde bande ins zimmer zu stürmen und mit bananen bewaffnet und diversen anderen dingen in den händen wieder an einem vorbei rauszustürmen und völlig schmerzfrei auf der mauer deine bananen zu futtern. und dich frech anzukucken.

oder riesige, schwarze skorpione unterm bett zu entdecken.

oder morgens mit einem wassereimer in richtung plumpsklo zu wandern und dabei von unzähligen augenpaaren verfolgt zu werden, die dir, wenn du wieder zurückkommst, forschend und intensiv ins gesicht schauen. ich vermute, sie wissen ganz genau wie groß der haufen war, den ich morgens gemacht habe. und vermutlich haben sie darüber diskutiert.

oder auf der straße mit den worten angesprochen zu werden:

„excuse me madame, I have a little question. are you happy, madame?“

und, am I happy? fragt man sich dann den rest des tages. ich glaube, ich habe mich seitdem nie mehr mit völlig fremden menschen darüber unterhalten, ob ich glücklich bin oder nicht und soviel private dinge irgendwo in einem großen, kantinenartigen restaurant mit zufälligen tischnachbarn ausgetauscht. ich erfuhr familienschicksale, ehedramen und wer mit wem verwandt ist in den weiten indiens, während ich kokosbällchen in rosensyrup in mich reinfutterte. ich glaube, ich habe auch nie mehr im leben so viele fotos mit wildfremden menschen mein eigen genannt, da es in indien offenbar völlig selbstverständlich ist, seine ganze familie dazuzustellen, wenn man von einem touristen gebeten wird, ein foto von einem zu machen 🙂

sowiet indien für heute 😉 es gibt 1000 gründe nach indien zu fahren. mir fallen zumindest so viele ein!

Advertisements

13 Gedanken zu „Indien: andere Länder, andere Sitten

  1. Neulich konnte ich ja so gar nicht schlafen. Vollmond? Krise? Keine Ahnung, jedenfalls habe ich gegen 4 Uhr den Fernseher angeworfen. Das war eine bessere Alternative, als zu bügeln oder so 😉
    Jedenfalls habe ich eine Doku über Indien gesehen. Das war jetzt schon die zweite Folge. Ich habe gleich an dich gedacht!
    Dein Reiseführer ist um ein Vielfaches besser, als meiner 😉

    Hab noch einen schönen Abend und liebe Grüße, Emily

    • liebe emily,

      war sicher der vollmond, der war diesmal SEHR hell und ganz BESONDERS rund *nick*

      ich bin mir ziemlich sicher, dass dir indien gut gefallen würde, na, wär das nicht ne idee für dich? vielleicht grad richtig jetzt in dieser phase *aufstachel*

      ich schicke dir zur abwechslung mal einen dicken schmatzer *knutsch*

      liebe grüße, katerwolf

      • Hoch jaaaaaa, ich könnte mir ja mal nen Katalog besorgen oder?! So ganz unverbindlich…

        Dicker Schmatzer zurück & liebe Grüße!!
        Emily

  2. Ein wirklich toller, lebendiger und schöner Bericht!
    Ich war schon in recht vielen Ländern, Indien war nicht dabei – aber ich bekomme richtig Lust, einmal dorthin zu reisen.
    Obwohl einem die extreme Armut sicher ganz schön zu schaffen macht, wenn man sie so hatnah erlebt.

    Liebe Grüße zu Dir
    Katinka

    • das freut mich sehr, liebe katinka. indien ist eine reise für sich, entweder man will nie mehr hin oder immer wieder. die armut ist allgegenwärtig, dennoch steht sie dort nie für sich allein und es ist nicht so, dass man sich dauernd schlecht fühlt deswegen. es gibt auch viel schönes, unglaublich viel schönes!

      alles liebe und hab einen schönen tag, katerwolf 😆

  3. Das war ein wunderbarer Reisebericht, liebe Katerwolf, weil er die ganz persönlichen Eindrücke wiedergibt und man sich deshalb alles gut vorstellen kann. Wenn ich Berichte aus diesen Regionen sehe, tut mir die Armut dort richtig weh. Und dennoch sind die Menschen fröhlicher und aufgeschlossener als hier.

    Liebe Grüße an dich, die Gudrun

    • liebe gudrun,
      ich freue mich, dass es dir spaß gemacht, meinen bericht zu lesen 😆

      mit der armut ist so eine sache, ich habe sie schon an vielen orten der welt erlebt. klar tut es weh, aber auch bei uns gibt es viel elend und leid, nur auf anderen ebenen. so sehe ich es jedenfalls immer, wenn ich damit konfrontiert werde.

      ich wünsche dir einen schönen tag, deine katerwolf

  4. Großartig! Das geht unter die Haut, meine Liebe! Und fast meint man, real an deiner Seite durch die Straßen Delhis zu wandern und dieses unglaubliche Spektrum an Eindrücken wahr zu nehmen! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s