Das zweite Leben

ich komme gerade von einem fotoworkshop in köln zurück. vermutlich denkt ihr: was macht die katerwolf denn da alles? hat die den turbo eingeschaltet? hab ich *grins*. ich habe einfach das unbändige gefühl dinge nachholen zu müssen. zeit , dieses kostbare gut, zu nutzen für all die dinge, die ich in diesem leben noch machen will. und das sind nicht gerade wenige. vielleicht ist das ein typisches verhalten von menschen, die ihr leben, aus welchen gründen auch immer, zunächst für verloren hielten und es dann wiederbekommen haben. das zweite leben. nach dem dahintuckern im 1. gang letztes jahr, kommt nach und nach immer mehr energie zum vorschein, die ich dankbar annehme und umsetze. und dafür hab ich jetzt mal kräftig hochgeschaltet. natürlich achte ich dabei penibel darauf, was mein inneres warnsystem sagt und wenn es biep biep zentrale an katerwolf einen gang runterschalten quäkt, wird brav einen gang runtergeschaltet.

als ich letztes jahr, unmittelbar nach meiner diagnose, damit anfing in mich hineinzuhorchen und mich zu fragen, ob es in meinem leben irgendetwas gibt, das mir aus diesem finsteren tal heraushelfen könnte, irgendeine orientierung, einfach irgendetwas, blickte ich für eine weile entsetzt und beunruhigt auf eine uferlose leere in mir. das war keine schöne, wenn auch wichtige erfahrung. denn genau diese leere zwang mich darüber nachzudenken, wie ich diese leere wieder füllen, wie mein weiteres leben ausstatten wollte. es war ein wenig so, als würde man ein neues haus beziehen und durch die leeren räume wandern und sich fragen: „was kommt hier für ein sofa rein, welches bett nehme ich und welche bilder hänge ich auf?“ nun ja, das haus blieb eine weile leer. sehr leer. zunächst erschreckte mich das, nach einer weile änderte sich mein blickwinkel aber und ich empfand diesen umstand als positiv, als chance. wann hat man schon mal die gelegenheit, seinem leben eine neue richtig zu geben, eingefahrene gleise zu verlassen, neue prioritäten zu setzen? in der regel meist erst dann, wenn einen ein schweres schicksal trifft. eine schwere krankheit. verlust eines geliebten menschen.

ich stellte fest, dass mein lebenshaus in den vergangenen 15 jahren zu einem völlig überfüllten sammelsurium von dingen geworden war, die mich kaum noch atmen ließen. und ich stellte ebenfalls fest, dass viele dieser dinge, die ich einst aus notwendigkeit übernommen hatte, mittlerweile überfällig geworden waren und nun verstaubt herumstanden und platz wegnahmen. sich für einen flohmarkt anboten 😉

es ist sehr schwer, sein leben neu zu ordnen. meist fehlt einem der mut, die zeit, die inspiration, alles. man hat angst, seine umgebung, deren festgefügtes rädchen man ist, vor den kopf zu stoßen. also rattert man weiter im großen uhrwerk. aber für nahezu jeden kommt mindestens einmal im leben die zeit, in der man spürt, dass das eigene rädchen sich nur mühsam dreht, knarzt und knirscht. und insgeheim fängt man an im stillen zu überlegen, wie man das ändern könnte, wie man da wieder rauskommt.

vielleicht ist das eine der ganz wenigen positiven sachen an schweren krankheiten. man traut sich aus so einer situation heraus vielmehr, sein leben anzupacken, auszumisten und neu einzurichten. es wird von außen viel eher akzeptiert und toleriert. und in der regel ist man auch viel eher bereit, widerstand in kauf zu nehmen und die angst vor konsequenzen zu verlieren. wenn nicht jetzt, wann dann?

vielleicht erinnert ihr euch daran, wie ich letztes jahr über diese leere in mir schrieb. ich widerum erinnere mich an die tollen kommentare, die ihr dazu hinterlassen habt. sie alle gingen in die richtung: genieß die leere! das habe ich dann gemacht. noch im juni, als ich auf sylt in der reha war, saß ich so manche stunde in meinem strandkorb und rief schüchtern in mich hinein:

„harge?“ (okay, der war für insider. wer das nicht versteht, der möge sich bitte dieses hier ansehen 😉 )

ich erinnere mich sehr gut an den moment, als zum ersten mal jemand antwortete. ich bin regelrecht erschrocken. denn wer mir da antwortete, war niemand anderes als ich selbst. offenbar hatte ich jahre lang still einer ecke gesessen und mich nicht getraut zu sagen, dass ich da bin. so kanns gehen. in diesem augenblick aber stand ich auf und trat schüchtern aus dem schatten heraus. und wurde überrascht und überglücklich begrüßt. es war auch das einzige mal in meinem leben, dass ich mich völlig ernst und laut mit mir selbst unterhielt. ich saß im strandkorb, über dem meer ging die sonne unter und ich hielt mit mir selbst einen plausch wie mit der besten freundin, die man seit jahren nicht mehr gesehen hat. das war ein moment.

danach füllte sich der leere raum in mir nach und nach. als erstes hängte ich eine hängematte hinein. und in dieser baumelte ich und blinzelte dem neuen leben entgegen. danach füllte sich der raum nach und nach mit neuem und altem. ich weiß, dass als nächstes 3 alte leidenschaften hinzukamen: schreiben, reiten und fotografieren. wie die drei musketiere tauchten sie auf, schwenkten ihren hut und riefen: „madame, zu diensten!“

erst gestern, als ich lange, viel zu lange im zug saß (ich.hasse.die.deutsche.bahn), dachte ich darüber nach, dass ich mir drei beschäftigungen ausgesucht habe, die mir früher, zum teil sogar sehr viel früher zu einem zeitpunkt meines lebens, geholfen und freude geschenkt haben. vielleicht ist das so, dass man sich instinktiv daran orientiert, was einen irgendwann einmal glücklich gemacht hat. man begibt sich innerlich zurück an einen ort des glücks und findet so wieder die alte quelle wieder, die in einem sprudelt.

man, man, man, eigentlich wollte ich euch von dem fotoworkshop berichten, den ich gestern in köln gemacht habe. und jetzt habe ich über etwas ganz anderes geschrieben. der text floss einfach so aus mir raus. das musste wohl sein. und das mit dem fotoworkshop, ach, das kommt dann eben ein anderes mal.

habt einen schönen sonntag, eure katerwolf

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38 Gedanken zu „Das zweite Leben

  1. ach, das kommt mir sehr bekannt vor….

    Lieber Katerwolf, ich wünsche Dir von ganzen Herzen, dass Dich Deine drei Musketiere mit ihrer Leidenschaft stets begleiten und Dir die Freude,und das Glück offenbaren, das Du verdienst! ♥ Ein gar wunderschönes Wochenende für Dich.

  2. liebe frau landgeflüster, kommt dir bekannt vor, gell? in deinem blog habe ich das schon öfters herausgelesen. 😆

    ich danke dir ganz lieb und wünsche dir von herzen ganz viel freude, gesundheit und glück 😆

    alles liebe, katerwolf

  3. Liebe Katerwolf,
    die Runde derer, denen das sehr bekannt vorkommt, wird sich vermutlich noch weiter vergrößern. Ich gesell mich auch mal dazu…
    Es ist wunderbar, macht einen glücklicher und zufriedener als man jemals zuvor gewesen ist, wenn man nach solch einem gravierenden Einschnitt in sein Leben diese zweite Chance erkennt und nutzt.
    Zurück zu den Wurzel, zu Glücksorten von früher! Ich bin dabei…
    Liebe Grüße
    und einen wunderschönen Frühlingssonntag

  4. wunderbar, was du gelernt hast aus deinem Leben jetzt zu machen. Und solange wie du auf dein Piep Piep hoerst, dann mach ruhig so weiter und erfreue dich an allem, was du so kannst

  5. Hallo liebe Katerwolf,
    du sprichst mir heute wieder aus der Seele! Auch ich stell mich in die Runde! Habe letzte Woche Dinge angegangen, die ich jahrelang vor mir herschob…und ich fühl mich gut dabei!
    Wünsch Dir einen wunderschönen Frühlingssonntag und schicke Dir herzliche Grüße!
    Anne

  6. Dein Vergleich mit dem Haus ist phantastisch. Und man füllt ein neues, leeres Haus ja auch nicht an einem Tag mit neuen Möbeln. Man geht erstmal suchen, was passen könnte. Laß Dir Zeit, bei allem was Du tust und versuche, nur noch das zu tun, was Dir Freude macht und gut tut. Man kann so vieles und auch viele (Menschen) aus seinem Leben rauskicken, was einen im wahrsten Sinne des Wortes krank macht, man muß nur den Mut dazu haben.
    Liebe Grüße!

    • liebe linda, ich freue mich, dass dir mein vergleich so gut gefällt. ich finde ihn sehr passend und habe im vergangenen jahr tatsächlich auch oft von leeren, neuen räumen geträumt….

      also, auf zu neuen ufern und auch dir immer gut wind in den segeln ♥

      liebe grüße, katerwolf

  7. Madame, da habt Ihr Euch drei gar wunderbare Musketiere auserkoren! 😀
    Es ist ein Hochgefühl sondergleichen, wenn man sein inneres Haus entrümpelt und neu möbliert! Auch, weil man dabei einmal Luft und Licht in verborgene und abgeschiedene Räume lassen kann und dabei so manch Erstaunliches entdeckt…
    … Grad ist mir noch ein rechter Schmarrn zu deinem letzten Post eingefallen: Wenn die Kerle „untenrum nervös“ zu werden beginnen, dann bezeichnet man das in meiner Heimat als „Stangerlfieber“. 😉
    Wünsche dir und deinen Lieben einen schönen Sonntag!
    Herzliche Grüße!

  8. Das Bild mit dem Haus kann ich sehr gut nachvollziehen, wie die meisten sicherlich. Ich freue mich für dich, dass du dich wieder nach deinem Belieben einrichten konntest und dir die Zeit genommen hast, mit dir in Kontakt zu treten. Schade, dass man sowas immer erst begreift, wenn es schon allerhöchste Eisenbahn ist. Man nimmt sein eingestaubtes Leben manchmal einfach nicht wichtig genug, dabei ist unser Leben ja alles was wir haben.
    Schön geschrieben, wiedermal. 🙂
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Nissa

  9. Ich bewundere deinen Mut! (das hab ich glaub ich schon öfter mal gesagt, gell. *heul*) Und ich wünsche dir weiterhin viel Glück und Leben mit den Musketieren.

  10. Liebe Katerwolf,

    ein schöner und rührender Eintrag! Wenn ich diese Zeilen auf mich projezieren müsste, dann stehe ich in dem riesigen leeren Haus und weiß weder was noch wohin. Es ist schrecklich! Deine Worte geben mir Mut, dass dies vielleicht zu einer Entwicklung gehört, die ich mir schon lange wünsche, aber bis jetzt noch nicht den Mut aufbrachte. Ja, auch ich denke…

    Liebe Grüße,
    dreams

    • liebe dreams,

      hab keine angst in dem leeren haus, versuch, wieder vertrauen zu fassen. das geht! ich habe das auch geschafft und du schaffst das auch. nur mut!

      alles liebe und sei von mir gedrückt, deine katerwolf

  11. Hallo liebe Katerwolf!
    Das ist jetzt die „Rache“, oder? 😉 Eigentlich wollte ich nur mal schnell lesen gestern und dann hast Du mich zum Nachdenken gebracht 🙂
    Mir geht es wie dir – Überholspur, Gas voll durch getreten. Dauernd fragen mich die Leute, woher ich die ganze Energie nehme … Das ist nicht immer gut. Nicht auf Dauer. Um in Deinem Bild zu bleiben – da habe ich wohl die Leitung zur Zentrale gekappt, damit ich das BIEP BIEP nicht hören muss.
    Gehe dann mal reparieren. Bremsen. Hoffentlich.
    Lieben Dank und liebe Grüße von Jenneke-

    • liebe jenneke, haha, ja, das ist die retourkutsche 😉

      das kenne ich soooooo gut, was du da schreibst. neuerdings funktioniert mein inneres alarmsystem aber ganz gut und ich sage fleißg zu allem möglichen NEIN, wenn es zu viel wird. macht richtig spaß: neinneinneinneinnein. war vorher eine große jasagerin…

      alles liebe und denk daran: regeneration ist genauso wichtig wie bewegung 😆 katerwolf

      • Ich melde mich dann mal für Nein-Sage-Stunden an, da kann ich Übung gut gebrauchen 😉

  12. Liebe Katerwolf,
    prima, dass du dieses Piep – Piep-System nun endlich akzeptierst. Manchmal braucht es wirklich lange, bis man das kapiert.
    Irgendwie ist der Mensch schon eine komische Kreatur….
    Erst muss es krachen, ehe er vernünftig wird….

    Tze, tze, wir sind irgendwie ein bißchen oder auch ein bisßchen viel bekloppt 🙂

  13. Liebe Katerwolf,
    wenn du dieses Mal auch nicht über den Foto-Workshop geschrieben hast – irgendwie war es aber ja die Vorgeschichte. Der 2. Teil folgt dann halt später… 😉
    Ich habe mich mein Leben lang ohne viel Federlesen von Menschen und Dingen getrennt, die mich nur noch belastet oder gar nicht mehr zu mir gepaßt haben – aber ich weiß nicht, ob mich das wirklich glücklicher gemacht hat. An das eine oder den anderen denke ich gelegentlich mit leichtem Wehmut zurück…

    Liebe Grüße von Christina

    • liebe christina, dann bist du mit dem radikal-gen wohl schon geboren 😉 hm, vielleicht solltest du es den menschen, an die du so wehmütig zurückdenkst, mal sagen – wenn das noch geht. nur ne idee….

      alles liebe und genieß den schönen, sonnigen montag, deine katerwolf

      • Nee, lieber nicht…
        Ich habe mich nach vielen Jahren einmal mit meiner ehemals liebsten Grundschulfreundin getroffen – das hat mich aller Illusionen beraubt…
        Da behalte ich vergangene Freunde doch lieber in wehmütiger Erinnerung. 😉

        Liebe Grüße von Christina

  14. Pingback: Den BIEP nicht gehört … « Carpe tempus!

  15. Wunderbar zu lesen, weil es sehr nachdenklich macht. Es ist schwer, aus seinem normalen Trott auszubrechen und seine Träume wahr zu machen. Ich werde auch bei mir weiter daran arbeiten. Und auf den Bericht über den Fotoworkshop bin ich auch gespannt. Wenn ich es so recht bedenke: drei meiner Freuden heißen auch ‚Schreibn, Fotografieren, Reisen‘. Das muss ich unbedingt mal wieder intensivieren.
    Liebe Grüße, April

    • liebe april, ich finde das gut, dass ich euch mit meinem bericht zum nachdenken bringe. nur dann werden einem wieder dinge bewusst, die man irgendwann mal in den mottenschrank gepackt hat.

      und ich fände es super, wenn du deine 3 freunde mal wieder aus dem wandschrank lassen würdest, na los 😆

      liebe grüße, katerwolf

      • Teilweise hab‘ ich das ja auch schon: Ich schreibe Blog, ich fotografiere sehr viel. Reisen geht im Moment wegen meiner Mutter nicht, aber das andere könnte ich schon versuchen zu intensivieren.
        LG, april

  16. Oh ja. Ich kann mich da an viele Situationen erinnern. In der Situation mit dem Strandkorb hatte ich damals Gänsehaut, so toll fand ich das. Auch damals hast du darüber geschrieben, daß du „dein Zimmer“ neu füllen willst. Manchmal sollten wir uns an Plunder auch wirklich nicht zu lange aufhalten. Weg mit dem Mist! Es ist wie bei einer Diät, man muß nur dran bleiben 😉

    Viele liebe Grüße, die Emily

  17. ich freu mich so für dich – dieser text liest sich großartig!! [hab‘ wohl gerade schlafstörungen, siehe uhrzeit ^^…]

    eigentlich sollten die meisten menschen dieses auf sich hören wieder [mehr] lernen, das ist so wichtig! ich glaub‘, ich fang‘ gerade damit an…

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