Rehageflüster: Völker, hört die Signale

hm. hmmmm. hmmmmm. ich kann menschen, die streiken, durchaus auch verstehen. und wenn die mitarbeiter der nordseeklinik unterbezahlt und ausgebeutet werden, dann ist das sicher gemein. aber ich bin als patientin hier, in meinem fall kostet das die deutsche rentenversicherung eine menge geld, und ich bin hier, um durch zahlreiche, zielgerichtete anwendungen kraft und ausdauer aufzubauen. und nicht um antistreikzettel der mitpatienten oder solidaritätsstreikzettel der klinikmitarbeiter zu unterschreiben. oder mit anderen patienten mit transparenten „behandelt uns endlich richtig“ und „gebt uns salat zu essen“ durch die klinikflure zu ziehen und streikenden klinikmitarbeitern mit transparenten „behandelt uns endlich richtig“ und „gebt uns mehr geld“ zu begegnen. grrr. auf den fluren rotten sich wütende patienten zusammen und rufen die revolte aus, in den therapiezimmern und im speisesaal klinikmitarbeiter. um 11 war heute meine visite angesetzt und ich hatte mir vorgenommen, mich dort auch mal zu beschweren. als ich vor der tür stand, klebte dort ein zettel mit der botschaft: „internistische visite fällt heute aus organisatorischen gründen aus.“ wie jetzt? ich nehme an, die ärzte verstecken sich irgendwo, weitab revoltierender patienten, im keller.

aus allen ecken hört man die gleichen gespräche: „ich will mich ja nicht beschweren, aaaaber so eine unverschämtheit, ich will mein geld zurück etc. pp…“ gerade beschwert sich am nachbartisch eine garstige, ausgemergelte mittfünfzigerin darüber, dass sie viiiieeel zu wenig anwendungen hat und nicht mehr alle 2 tage spaghetti mit hackfleischsoße aus der büchse fressen mag, ihr moppelrundes gegenüber hingegen meckert, man würde sie nur durch die gegend hetzen, von einer anwendung zur nächsten und sie wolle endlich mal das meer sehen. das einzige gute nach 3 wochen sei, dass sie 6 pfund zugenommen hat, das täte ihr gut, sie wäre ja vorher sooo entsetzlich abgemagert gewesen 😯

draußen regnets.

das herumsitzen und in der gegend herumstreunen hat aber auch einen vorteil. man sieht so einiges. zum beispiel ingrid steeger. ne, ne, nicht die echte, aber ein einwandfreies double. oder die adlige schwester. läuft in pastellfarbenen dreiteilern durch die gegend, mächtig mit ketten behängt und einer brille, die man noch aus den siebzigern kennt, so mit schmetterlingsbügeln und glitzer, voll krass. es gibt natürlich auch hier, wie in jeder reha, den club der dicken, die fröhlich und moppelig herumsitzen und sich mit tricks und kniffs vor den anwendungen drücken sowie den club der perücken-emmas. ich weiß, voll gemein, aber als selbst-krebskranke darf ich sowas 😉 und, da es hier auch eine orthopädische abteilung gibt, robbt hier so allerhand hinkend und gebückt durch die gegend. von den schuppenflechten aus der derma-abteilung nicht zu sprechen. da ist man mit brustkrebs doch gar nicht so schlecht bedient. bin ich heute ein klein wenig zynisch? ach, passt schon.

gestern mittag verstrickte ich mich vor dem eingang zum speisesaal beim händedesinfizieren (ja, händedesinfizieren, denn es gab hier gerade einige noro-virus-fälle) mit einer gruppe frauen in eine diskussion darüber, ob einen die krebskranken, die schuppenflechten oder die hinkeheinis mehr runterziehen. jeder beharrte natürlich, ganz gemäß seiner eigenen befindlichkeit, darauf, dass es immer die anderen sind, die einen mehr runterziehen. es ist schon auch spaßig hier 😉

gestern nachmittag, als ich einen schönen strandspaziergang unternahm, gesellte sich eine reha-insassin an meine seite und wir kamen ins plaudern. das heißt, sie plauderte. wie ein maschinengewehr ließ sie salven auf mich los, dabei wild mit den armen fuchtelnd: also, ich bin schon die vierte woche hier…bra bra bra….ich mache alles immer, aquajogging, walking, lehmbrennen, yoga, krafttraining…bra bra bra….also man muss zur therapieleitung und die mal so richtig zur minna machen, dann läuft das…bra bra bra….und dann muss man ja auch noch fahrrad fahren, kreuz und quer über die insel und immer schön den strand auf und ab…bra bra bra….oh, schon 10 minuten vorbei, ich muss schnell weg, zum qi gong, und tschüss.“ 

erschöpft frage ich sie zum abschied: „weswegen bist du eigentlich hier?“

„burn out, burn out!“

😉 😉 😉

so, ihr lieben, jetzt gehe ich mir die spaghetti mit hackfleischsoße reinhauen und dann wickel ich mich in meinen ostfriesennerz und radle zum reitstall. hin und zurück immerhin 20 km. meine heutige anwendung. do it yourself.

eure katerwolf 😆

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16 Gedanken zu „Rehageflüster: Völker, hört die Signale

  1. Och nööööö, ist ja blöd! Ich wüsste auch nicht, wie ich reagieren würde. Ob ich eher die „heitere Gelassenheit mit Megaverständnis“ oder den „Bilbo“ (Bombengranatenelementblitzblotzdonnerwetternocheinmal) geben würde. In jedem Fall wird dir wohl nix anderes übrig bleiben, als das Beste aus die Situation zu machen, was du Katerwolf klassisch ja schon tust. Es sei denn, es würde etwas bringen, die Krankenkasse zu kontaktieren und die Situation zu schildern, verbunden mit der Frage, wie du dich verhalten sollst. Aber nützen wird das, glaube ich, auch nüschte.
    Also drücke ich feste die Daumen, dass es nun morgen richtig losgeht und du deinen ersten Batikschal und das A.rschtanga-Yoga in Angriff nehmen kannst. 🙂

  2. och, manno, das hört sich ja an!!!
    genauso hab ich mir so eine reha vorgestellt, leute die maulen, einige leute, die nett sind und gaaaannnnzzzz viele, die einen runterziehen!
    ich wußte schon, warum ich da nicht hin will
    ich drück dir die daumen auf eine bessere zeit und halt die ohren oben und einen drücker und lass dich nicht zu sehr vollquatschen andrea

  3. Kommt immer drauf an, ob man sich runterzeihen oder aufbauen lassen will 😉

    Aber ich nehme an, Rehawolf betrachtet das Ganze eher mit einem gewissen sarkastischen Abstand. Wobei jeden 2. Tag Dosenbolognese ist irgendwie nicht so der wirkliche Bringer.

    Eine Streikaktion, die wirklich richtig spürbare Auswirkungen auf den Betrieb hat mit mehr als Warnstreikcharakter sollte man sich in einer Rehaklinik eigentlich verkneifen. Das geht voll auf’s Kreuz der Patienten, die dafür am wenigsten können. In einem Akutkrankenhaus, kann man immer noch reagieren, indem man planbare OPs umlegt, und es wird immer ein Notbetrieb möglich sein. In einer Rehaklinik geht das schlecht, wenn man nicht den Patienten komplette Maßnahmen absagen will. Insofern hätte meine Solidarität bei allem Verständnis für die Situation des Personals doch ziemlich enge Grenzen..

    Und den Kostenträger würd ich schon irgendwie informieren, auch wenn’s nix bringt.

    Aber viel Spaß bei der Reit- und Radelanwendung 😉

    Und die burnouterin brauchte offensichtlich noch einen Nachbrenner 😉

    • da hast du recht, karl. das ist schon sehr ärgerlich. ich habe da auch kein verständnis für.

      aber rehawolf wäre nicht optimistenwolf, wenn sie nicht das beste draus machen würde 😉

  4. Was ist denn bitteschön Lehmbrennen? Ist das eine Anwendung, in der man mit Lehm bekleistert und dann aufgeheizt wird? 😯
    Ich wünsche dir, dass der Streik samt Dosenbolognese und Salatmangel bald ein Ende haben möge!
    ♥liche Grüße!

  5. Ich finde es bemerkenswert, wie Du selbst so eine besch.. Situation so lustig beschreiben kannst.
    Und ich stelle mir gerade das Aufeinandertreffen der Revoltierenden vor. Ich schlagt aber nicht mit Euern Plakaten aufs streikende Klinikpersonal ein, gelle? Sonst hauen die zurück und man muss die Polizei holen, zur Trennen der beiden Parteien

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