Brustkrebs: Belastbarkeit und Grenzen

das ist ein thema, mit dem man sich als betroffene immer wieder auseinandersetzt. wenn ich mein brustkrebstagebuch seit februar 2010 so durchblättere, wird mir klar, dass es ein zentrales thema ist. und ich sehe, dass sich phasen voller energie mit phasen der schwäche abwechseln. nur die gewichtung hat sich verändert.

zu beginn gab es einfach nur schwäche. dann kam ziemlich schnell der lebenswille wieder, und mit ihm brach eine sehr starke energie durch. zu beginn rein gesitig: ich will leben. nach und nach wandelte sich dieser gedanke zunächst zaghaft und dann immer stärker in: ich werde auch leben. mein starker wille und positive lebenseinstellung zieht sich von anbeginn durch den gesundungsprozess. ab mai 2010 habe ich langsam wieder begonnen, mich körperlich aufzubauen. mit lauftraining, schwimmen, spaziergängen, golf. mit zunehmender körperlicher stärke stieg auch mein allgemeines wohlbefinden wieder an.

im juni 2010 kam die reha. die reha sehe ich nach wie vor als einen wendepunkt. ich hatte endlich 3 wochen lang zeit, mich intensiv mit all dem, was geschehen war, auseinanderzusetzen und dabei professionelle hilfe in anspruch nehmen zu können. das war einfach ein geschenk des himmels. oder besser gesagt, der deutschen rentenversicherung 😉 . ein einschneidendes ereignis der reha war auch, dass ich nach etwa 20 jahren wieder den weg aufs pferd gefunden habe. dieser wiedereinstieg in eine alte leidenschaft war mit das beste, was mir seit meiner erkrankung passiert ist. und was soll ich sagen, ihr wisst ja, dass ich seit märz diesen jahres wieder ein eigenes pferd habe. ein riesiges glück ist das 😆

gegen ende der reha hatte ich das gefühl es „geschafft“ zu haben, obgleich mich die vorstellung, 2 wochen nach meiner rückkehr mit der beruflichen wiedereingliederung zu beginnen, sehr verunsicherte. ab mitte september 2010 arbeitete ich wieder vollzeit. und ging kräftemäßig komplett baden. völlig überfordert entschied ich mich, ab januar 2011 auf 75% zu reduzieren. tja. und seitdem merke ich, dass es irgendwie holpert und poltert. es ist nicht einfach, wieder seinen platz im leben zu finden. das alte passt nicht mehr. und das neue passt noch nicht. in mancher hinsicht passt es zwar besser, aber es ist ungewohnt und nach wie vor jeden tag eine prüfung. mal eine kleinere, mal eine größere prüfung. das, was vor allem nicht mehr passt, ist die alte belastbarkeit. die ist futsch. ich würde sagen, ich bin jetzt etwa bei 50%. ob vorübergehend oder ganz und gar, das weiß ich nicht. jedenfalls geht mir ganz schön schnell die puste aus. nach wie vor. und das ist nicht einfach.

das größte problem ist für mich die berufliche herausforderung.  ich dachte, ich könnte es zunächst etwas langsamer angehen. und ich habe nicht damit gerechnet, dass sich meine berufliche situation ausgerechnet jetzt so verändern würde, wie sie das tat und immer noch tut. und mich so sehr fordern wird. ich mache oft schlapp. trotz 75%. ich denke aber, ich würde auch mit 50% schlappmachen. ich bin mir sicher, dass es einen weg gibt, auf dem man es schafft, das richtige maß zu finden. nur, ich habe diesen weg noch nicht gefunden. da arbeite ich dran, hole mir hilfe bei diesem prozess und halte immer wieder inne. und schieße genauso oft über das ziel hinaus.

das stichwort heißt grenzen. neue grenzen wahrnehmen, setzen, akzeptieren und nicht dauernd damit hadern. *pffft*. wer jetzt sagt, das ist einfach, der kriegt eins auf die mütze 😉

aber ich will das schaffen. das ist mein ziel nummer 2. mein neues leben so in einklang zu bringen, dass es mir leicht fällt. mit den kräften so hauszuhalten, dass sie ausreichen. ziel nummer 1 heißt überleben und sehr, sehr alt zu werden, gesund alt zu werden. und ich vermute mal stark, dass ziel nummer 1 mit ziel nummer 2 zusammenhängt 😆

ich habe im leben immer ordentlich gas gegeben, früher viel gelernt und ab einem bestimmten zeitpunkt viel gearbeitet. mir sehr viel erarbeitet. nun merke ich, dass ich diese leistung nicht bringen kann. ob noch nicht oder nicht mehr, das wird die zeit zeigen. natürlich habe ich auch angst vor verlust. meine berufliche position nicht halten zu können. ich finde mich zu jung dafür. ich weiß natürlich, dass nichts so wichtig ist wie die gesundheit und das leben selbst. natürlich weiß ich das. aber mal unter uns:

leistung, belastbarkeit, verantwortung, pflichtbewusstsein, erfolg. es sind dies die dinge, die man in die wiege gelegt bekommt. und die man dann in seinem leben zementiert. wenn man dann so unterwegs ist all die jahre und sein lebenshaus aufbaut. die angst, seine materielle grundlage, vielleicht auch seinen status zu verlieren, ist unterbewusst sehr mächtig. das leben selbst ist wichtiger. die gesundheit. ich weiß, ich weiß. aber gebt ihr mir trotzdem recht, dass diese innere „materielle“ triebfeder eine starke macht hat? und gebt ihr mir auch recht, dass es schwierig ist, gerade diese strukturen zu ändern. auch wenn man nun gesundheitlich gezwungen wird, sie zu ändern, macht es das nicht unbedingt leichter. vielleicht eine zeitlang. aber kaum geht es einem besser, stellt sich der alte stachel wieder auf und sagt munter: „da geht doch noch was!“ und man denkt wieder:“ so, jetzt mache ich ein bisschen langsamer und nächstes jahr bin ich wieder voll dabei.“

es ist das bewusstsein, vielleicht nicht mehr voll dabei sein zu können, das einen immer wieder runterholt. auf den boden der tatsachen. das zu akzeptieren, ist gut und gesund. es erleichtert einem viel. und hilft einem, mit sich ins reine zu kommen. aber leicht ist das nicht.

ich bin froh, dass ich so bin, wie ich bin. und die fähigkeit habe, dinge dfferenziert betrachten zu können. und mit so viel lebenswillen und positiver energie ausgestattet zu sein. ich glaube, das mir das sehr hilft. und ich hoffe, dass das leben, das ich so unendlich liebe und genieße, mir noch sehr, sehr lange erhalten bleibt.

 

Wo der Hammer hängt

wo der hammer hängt, kriege ich heute zu spüren. ich habe letzte woche durchgestartet wie eine energiemaschine und mich dabei offenbar übernommen. am montag bin ich bereits etwas wackelig in die woche gestartet und die gestrige zoladexspritze hat dann wohl das übrige getan. gestern war sofa-total angesagt. und heute morgen bin ich wie auf eiern zur arbeit gefahren, habe ein paar termine vorbereitet und um 10 sind mir unmissverständlich die lichter ausgegangen. der boden verwandelte sich in ein wogendes meer und mein kopf in das schwankende schiff darin. gott-sei-dank konnte ich meine termine auf eine kollegin umlegen und hatte im vorfeld schon alles schriftlich vorbereitet.

bin dann mit ach und krach nach hause und liege jetzt wieder auf dem sofa. mehr geht nicht.

das ist die erfahrung, die ich seit januar 2010 mache. die erfahrung, wo meine grenzen sind. früher habe ich die grenzen en passant wahrgenommen und bin einfach darüber wegmarschiert. immer auf der überholspur. mit allem. das geht jetzt nicht mehr. sobald ich an meine grenzen stoße, macht es peng und ich werde zurückgeworfen, als wäre ich mit der nase gegen panzerglas gelaufen. so wie heute.

ich sehe das jetzt einfach mal positiv und nehme diesen sicherheitsmechanismus dankend an und höre darauf. wenn er klar und deutlich stopp sagt, heißt das auch stopp. dann bin ich zu weit gegangen und muss wieder etwas kürzer treten. ist ja nicht schlimm. es gibt nichts, das so wichtig wäre, wie das leben selbst.

die enorme energiequelle der letzten woche war wunderbar. ich muss nur nach wie vor lernen, sie nicht so weit sprudeln zu lassen, bis sie leer ist. es muss immer genug reserve bleiben für mich selbst. was habe ich letztes jahr in der reha gelernt? die körperliche Belastbarkeit wieder aufbauen ist wichtig. man darf aber nie die regeneration vernachlässigen. das sollte ich mir wohl an die wand pinnen.

sonst lande ich auf der nase. so wie jetzt. es ist gut, dass ich so deutlich zu spüren bekomme, wann genug ist. weil ich dann nämlich darauf höre. und ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass das so bleiben wird und die grenzen nach und nach immer weiter werden. so war es das letzte jahr zumindest. immer ein stück weiter. und dann wieder ein kleines stück zurück. mit dem unterschied, dass das stück weiter immer größer und das stück zurück immer kleiner wird.

ruhig, brauner. das wird.