Rehageflüster: Wilhelmine Tell

hab grad nüscht zu tun und blog hier noch ein büschen rum. war grad in der wassergymnastik und hab mir hinterher einen teller salat im speisesaal erkämpft. da herrscht heute nämlich kriegsstimmung. ehrlich. heute sind unmengen von neulingen angereist. ganz offensichtlich haben sie vor der reha mehrere wochen nichts gegessen und holen das jetzt heute abend hier nach. neben mir terrorisieren die rommée-kampfbrummen einen rommée-neuling. als ich an ihnen vorbeiging, schauten sie weg. die anführerin, eine bayerin, bringt der neuen (einer ganz schüchternen) gerade das zählen bei: „NEIN. der bube zählt 10 und NICHT 5. hör mir zu.“ hi hi.

ich habe heute einen durchbruch im bogenschießen erzielt. ich habe 9 x die zielscheibe getroffen. 1x sogar den roten kreis, FAST die mitte also. ich bin ein genie. ich kaufe mir einen bogen und einen köcher mit pfeilen und dann werde ich mich zur olympiade anmelden.

so, und jetzt gehe ich mal ne runde badminton spielen. hab ich, wie rommée auch schon gefühlte 100 jahre nicht mehr gemacht. mal sehen, was ich heute abend in mein glücksbuch schreiben kann 😉

Rehageflüster: Erkenntnis des Tages

bogenschießen ist scheiße.

bei allen klappt es. sogar bei den kleinen dicken. auch bei denen, die kaum laufen können. und die mit nur 1 lungenflügel. nur bei mir nicht. ich bin die einzige, die es schafft, dass die pfeile schlangenlinienförmig fliegen. ich schieße mir jedesmal den arm blau. sowohl oben als auch unten. die trainer schauen mich genauso an, wie die therapeutin aus dem seidenmalkurs. mitleidig.

ich gehe heute nachmittag fahrradfahren. das klappt ganz gut :mrgreen:

Rehageflüster: Gruppentherapie und Salsa

der heutige tag war, sagen wir mal, ereignisreich. mit lustigem, nachdenklichen, aber auch traurigem. es gab heute einen moment, in dem ich mit einem dicken halstuch (wegen halsschmerzen), mit einer dicken kühlkompresse am unterarm (wegen bogenschießen, dazu später) und einem kloß im hals auf dem bett saß und mir selber leid tat. nachdem ich meinem mann mein leid am telefon geklagt hatte, musste ich darüber gott-sei-dank lachen.

ich war heute morgen das erste mal richtig bogenschießen. unsere gruppenleiterin war regelrecht panisch, die gruppe alleine zum übungsplatz vorgehen zu lassen und ließ uns keinen augenblick aus den augen. nachdem ich die sofort einsetzenden, wilden aktivitäten der gruppenteilnehmer sah, wusste ich warum. nach der stunde lebten wir alle noch, wie durch ein wunder. ich habe insgesamt 9 pfeile geschossen. 1 pfeil traf ins rote *stolz guck*. der rest verschwand im wald und musste mühsam gesucht werden. ein pfeil schoß wie ein verirrter feuerwerkskörper von dannen und ist schuld an meinem beachtlichen hämatom am linken unterarm. immerhin habe ich es nicht, wie meine schieß-nachbarin, geschafft, einen der robusten aluminiumpfeile kaputt zu schießen.

insgesamt bin ich für das bogenschießen deutlich begabter als für salsa. das habe ich nämlich gestern abend probiert, als ich dachte, dann doch etwas tun zu müssen. ich habe vor jahren mal einen salsa-workshop in einer ferienanlage gemacht und den club-animateur zur verzweiflung getrieben. ich sag nur: null taktgefühl, zu große füße, zu kleine schritte, blöder club-animateur. der war sowieso nur scharf auf ein dickbusiges blondie aus schweden und hatte keinen nerv für die restlichen spasten aus der gruppe.

gestern also salsa-workshop in der reha. das ist ein ähnliches phänomen wie singen in der reha. ich war guten willens. ich schwör. aber mit schuhgröße 41 kann man diese kleinen schritte nicht machen. das geht nicht. und als es dann darum ging, verschiedene schrittkombinationen zu vereinen, dachte ich düsteren herzens an meine zeit als völlig unbegabte, 10-jährige ballett-elfe. ich musste bei meiner ersten und letzten ballettaufführung im theater einen der sieben zwerge tanzen und mit einem mit-zwerg schneewitchen im spagat auf der schulter auf der bühne herumtragen. ich war ein sehr, sehr langer und sehr, sehr dünner zwerg. schneewittchen hingegen war ein doppelwhopper. ratzfatz rutschte sie mir von der schulter und krachte auf die bühne. meine dürre, biestige ballettlehrerin brüllte mich hinter der bühne an wie eine irre und danach hatte ich mit ballett abgeschlossen. manche traumata überwindet man nie. jedenfalls mussten wir gestern paarweise im kreis herumtanzen und ich war der mann und musste heidi durch die gegend schieben und dabei glücklich aussehen. das hat so gar nicht geklappt. hab mich mit heidi sogar in die wolle gekriegt. ich.hasse.salsa. und habe mit dem thema jetzt auch abgeschlossen.

heute war meine erste visite. die ärztin meinte, sie würde mich gerne 1 woche länger hier behalten und nachdem ich vor lauter schreck zunächst nein sagte, entschied ich mich kurze zeit später doch dafür. ich glaube, das wird mir gut tun.

heute war aber nicht nur mein erstes mal bogenschießen, sondern auch meine erste onkologische gesprächsrunde. ich wollte mich drumherum drücken, der arzt hier hat mich dazu aber „verdonnert“. die runde war überraschend gut, was sicher auch an dem sympathischen psychologen lag. die runde war aber hart. nicht nur, weil ich dann wider erwarten doch heulen musste wie ein wasserfall, als ich meine geschichte erzählen sollte. sondern vor allem deswegen, weil es so schmerzhaft war, die geschichte der anderen frauen zu hören. einigen geht es so beschissen, dass es einem den hals zuschnürt. krebs ist schrecklich. er reißt einen mitten aus dem leben, unerwartet und brutal. und dann findet man sich plötzlich in einer situation wieder, in der man ums überleben kämpft und darum ringt, irgendwie wieder ins leben zurückzufinden. seinen platz wieder einzunehmen. wieder froh zu werden. weiterzuleben. zu überleben.

am ende der sitzung fragte uns der psychologe, wie wir unsere stimmung auf einer skala von 0-100 einschätzen würden. diejenige aus der gruppe, die es am schlimmsten von allen getroffen hat, sagte lächelnd: „100 %“. das sind sie momente, die einen aus den schuhen hauen. hut ab vor allen, die diese und andere schwere erkrankungen durchstehen und ihre positive lebenseinstellung nicht verlieren. so bewusst wie heute war mir das noch nie.

Rehageflüster: Blas-Workshop

hey ihr lieben, habt ihr mich vermisst? ich bin in der reha angekommen und schon ganz schön fleißig seit heute morgen: mein tag begann mit dem weckerschrillen um 6.30 und einer einweisung ins bogenschießen. yepp. auf nüchternen magen. nach einer bescheidenen nacht. ich habe den arzt gestern und den bogen-therapeuten heute darauf hingewiesen, dass ich als bogenschießerin eine gefahr für die allgemeinheit darstelle. ich hatte das vor einigen jahren mal in einer ferienanlage probiert und wurde vom kursleiter gebeten, mir eine andere aktivität zu suchen, bevor jemand zu schaden komme. weder arzt noch therapeut wollten auf mich hören. so stand ich also in der früh mit einem damenbogen in der hand und einer lederschiene um den linken oberarm in der gymnastikhalle 1 und versuchte, den pfeil im bogen zu spannen und dabei den rechten ellenbogen nach unten und nicht senkrecht nach oben zu ziehen. ich hasse bogenschießen. sauanstrengend. gefährlich *nick*. wenn arzt und therapeut meinen, das sei gut für mich, werde ich aber ab montag im freien schießen und mal schauen, welche opferbilanz ich nach 3 wochen reha aufweisen kann. habe gesehen, dass es im park der reha zahlreiche, bunt-schimmernde fasane gibt. und nicht alle menschen, denen ich hier so begegne, sind nett.

gestern abend war ich singen. ich.war.singen. mehrstimmig und laut. und habe damit ein altes kindheitstrauma aufgearbeitet. ich habe in der schule so gerne gesungen. und durfte nicht. da mein musiklehrer meinen hochgereckten finger auf die frage „wer will das lied nun alleine singen?“ stets mit der feststellung beantwortete: „aha. ich sehe, offensichtlich keiner.“ und gestern war ich singen. und wie. ich habe sämtliche shalom-lieder gesungen, ein pippi-langstrumpf-lied, ein paar afrikanische lieder und ein sehr schönes irisches- segen-abschiedslied. dabei habe ich mir vorgestellt, wie mein mann, mein sohn + freundin und meine eltern mich am zug verabschieden und mit weißen tüchern winkend, aus voller brust, eben dieses liedchen singen 😆

heute mittag habe eine traumreise gemacht, bei der meine direkte nachbarin sofort einschlief wie ein baumstamm und wie ein seebär schnarchte. während ich mir also versuchte vorzustellen, wie bunte schmetterlinge aus den ästen des zauberbaums auf mich herabflogen, hatte ich, dank meiner nachbarin, die vision eines großen, alten, haarigen, seebärs, der unter dem zauberbaum lag. nach der traumreise fragte die kursleiterin: „na, ehrlich, wer hat die traumreise wach erlebt, von anfang bis ende?“ und was machte die schnarch-else neben mir? streckt den finger hoch und sagt laut und deutlich: „ich!“

„stimmt nicht, “ sagte ich, „man kann nicht gleichzeitig schnarchen und zauberbäume sehen.“ 

ich habe jetzt eine feindin hier.

was habe ich heute noch gemacht? ganz was feines. da ich heute früh beim lungenfunktionstest abkackte, musste ich im anschluss zu einem peak-flow-seminar, um in den nächsten 3 wochen meinen atemfluß zu messen. das ist so kompliziert, dass man hierfür ein einweisungsseminar besuchen muss. da saßen wir nun also, hörten gebannt der seminarleiterin zu und starrten angespannt auf das gerät in unseren händen. und was erzählte die junge dame uns voller überzeugung?

„in diesem seminar will ich ihnen zeigen, wie sie ihre blastechnik stabilisieren können und wie sie ihr qualitäten als bläserin optimieren können.“

wortwörtlich. und mehrfach wiederholt und ausreichend vertieft.

ich war die einzige, die lachen musste. mir lag so auf der zunge, zu fragen, ob mein mann nach meiner rückkehr ein ergebnisprotokoll meiner neuen fähigkeiten an die reha schicken darf. verzeiht mir, aber die situation war so komisch. ha ha ha, ich liebe sowas :mrgreen:

die klinik ist auf den ersten eindruck ganz nett. sylt war schöner. aber föhr hat auch seinen reiz. ist alles ruhiger hier und nicht so cool wie auf sylt. alles etwas kleiner, familiärer hier. aber auch das angebot in der reha ist kleiner. in sylt hatte ich etwa 4-7 anwendungen pro tag. hier sind es heute, an meinem ersten tag, nur 2. aber ich warte jetzt mal bis montag ab, und wenn es dann nicht mehr wird, kann ich ja immer noch mit dem arzt reden. die klinik hat jedoch eine kaum zu toppende lage: du gehst aus der tür ein paar schritte zu einem der schönsten strände, die ich je gesehen habe. watt. muschelstrand. amrum in spuckweite. abends geht die sonne unter und man sagt über diesen sonnenuntergang zu recht, er sei der schönste deutschlands. abends sieht man reiter über das watt preschen. und genau das werde ich nächste woche auch tun. jipiieeh.

leider ist der internetzugang hier kostenpflichtig und nicht gerade billig, daher werde ich nicht so häufig bloggen, wie ich ursprünglich dachte, aber schaut ruhig so alle 2-3 tage mal rein, gibt so einiges zu flüstern hier. hey, machts gut ihr alle, eure rehawolf