Schneckenwetter

ich finds schön. draußen regnets und tropfts und plätscherts und gluckerts, und ich finds schön. es erinnert mich immer an kindersommer. wenn es im sommer regnete wie aus kübeln. ich bin dann in gummistiefeln und regenzeug, mit einem eimerchen bewaffnet, losgezogen und habe weinbergschnecken gesammelt. ich erinnere mich, dass sie vorzugsweise in dichten brennesseln versteckt waren. jede schnecke, die ich entdeckte, ließ mein herz hüpfen. bis das eimerchen gut gefüllt war. dann trug ich die beute fröhlich nach hause.

nein, nicht für muttis sonntagsessen 😉

ich steckte die schnecken in eine kiste, gab ihnen namen und trainierte sie ein bisschen – für das große schneckenrennen. dazu wurden auf dem boden ein paar rennbahnen abgesteckt, ein paar hoffnungsvolle rennschnecken auf die startlinie plaziert und los gings! in der regel schaffte es eine, bis 2 ins ziel. der rest schleimte in die andere richtung davon oder kam gar nicht erst aus dem schneckenhaus herausgekrochen. aber es gab immer einen sieger 😆

nach ein paar tagen (meist 2) wurde es mir langweilig und die schnecken wurden in die freiheit entlassen.

ich gebs zu, es ist ein wenig psycho, wenn jemand in meinem alter mit einem eimerchen loszieht und schnecken sucht. vermutlich würde ich ein fall für den tierschutzbund werden. aber wenn ich gleich mit dem joschel eine regenrunde mache, werde ich ein wenig ausschau halten. und vielleicht den einen oder anderen namen vergeben 😆

habt einen schönen dienstag!

 

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Schlüpferstürmer

Schlüpferstürmer.

Dieses Wort habe ich bei Synapse geklaut, die es gestern in einem sehr zutreffenden Kommentar auf meinen post Schlampe verwendet hat. Es passt einfach perfekt auf den Hauptprotagonisten meines heutigen posts.

Jörg.

Jörg war mein erster. Mein erster, na, ihr wisst schon. Wie ich jetzt darauf komme? Er lief mir vor ein paar Wochen zufällig über den Weg. Nach 25 Jahren. Und sofort war die Erinnerung wieder da.

Jörg war ein paar Jahre älter als ich und hatte etwas von einem französischen Poeten an sich. Schlank, eine wilde Tolle, die ihm die Augen fiel, eine markante Nase und einen fiebrigen Glanz in seinen Augen. Ich war hin und weg von ihm. Er schlug sich zur damaligen Zeit mit Gelegenheitsjobs durch, als ich ihn kennenlernte war er gerade Bauarbeiter. Seine wahre Berufung aber war die eines leidenschaftlichen Poeten und Schauspielers. Eines großen Bühnenschauspielers! Er schrieb heißblütige Gedichte voller Leidenschaft und Schmerz und liebte es, sie im dramatischen Umfeld zu rezitieren. So zum Beispiel vor seinen damaligen Bauarbeiterkollegen. In der Mittagspause gab er mit wehendem, schwarzem Umhang, großem Schlapphut und schwarz umrandeten Augen den Hamlet, während seine Jungs mit Klappstullen und Kaffee in der Thermoskanne zusahen und Kommentare abgaben, wie:

„Schwein oder nicht Schwein, DAS ist die Frage!“

Er war romantisch wie kein zweiter und liebte es, mitten in der Nacht bei Sturm und Gewitter vom Nachbarort zu Fuß zu unserem Haus zu laufen, durch den Wald und an mein Fenster zu klopfen um mir dann mit glühendem Blick,  triefend nass im Regen stehend, seine Liebe in Gedichtform darzubringen. Das hatte was. Ich war damals auch sehr froh, dass mein Vater keinen Waffenschein hatte. Mit dieser Mischung aus Romantik und Leidenschaft stürmte er zuerst mein Herz und etwas später dann auch, nun ja, meinen Schlüpfer. Er war zusagen der Erstbezwinger meines Schlüpfers.

Bevor er diesen stürmte, musste er allerdings noch eine andere Festung stürmen. Meinen Vater. Als der ihn das erste Mal sah, wusste er gleich, was Sache ist. Mein Vater wusste sich schon immer in jeder Lebenslage clever zu helfen. So auch in diesem Fall.

„Hallo, mein Junge,“ begrüßte er Jörg ein ums andere Mal, „Lass uns doch einen zusammen trinken.“

Mein Vater ist sehr trinkfest. Trinkfester als Jörg es damals war.

Ich erinnere mich besonders an einen Abend. Mein Vater füllte Jörg so ab, dass Jörg sich anschließend im Badezimmer bis auf die Unterhose auszog, wie ein Transvestit schminkte, sich auf die Waage stellte und 1 ganze Flasche Mineralwasser auf Ex trank, nur um herauszufinden, ob die Waage dann 1 Kilo mehr anzeigen würde. Anschließend schlief er in der Badewanne. Der Papa. So isser. Unter anderem dafür liebe ich ihn wie keinen zweiten.

Irgendwann waren meine Eltern für ein Wochenende weg. Das war dann die Stunde des Schlüpferstürmers. Man muss ihm zu Gute halten, dass er sich das redlich verdient hatte.

Wir blieben nicht zusammen aber behielten uns in lieber Erinnerung. Als wir uns nun wiedersahen, zufällig auf der Straße, war ein vertrautes Gefühl zwischen uns. Seine Tolle hat er nicht mehr und insgesamt auch eher wenig Haare. Und Poet ist er auch nicht geworden. Stattdessen Krankenpfleger. Aber er wirkte rundum zufrieden. Und seine Augen hatten tatsächlich noch etwas von dem fiebrigen Glanz 😉

3-Mädeltour durch Südostasien

muss ich ja dann doch noch auch loswerden 😉

wie gestern erzählt, hatte mich südostasien ausreichend fasziniert, dass ich im nächsten jahr wieder hinfahren wollte, ja, musste. da die beziehung zu frank aus vielerlei gründen kurz nach unserem gemeinsamen trip zerbrach, beschloss ich, mit den 2 mädels aus meiner WG zu fahren. wieder 3 monate, in den semsterferien. nina ist meine uraltfreundin, mit der ich gemeinsam zum studium nach berlin zog, genauso reiselustig und -erprobt wie ich. moni weder noch. sie wollte aber unbedingt mit. moni flog schon 1 woche vor uns hin und wir wollten uns in bangkok treffen. und tatsächlich, wir fanden moni dann auch, allerdings 3 tage später, sie hatte sich im asiatischen großstadtdschungel ordentlich verfranzt. wir hatten große pläne, wollten über malaysia, sumatra und java bis nach bali und wieder zurück, diverse vulkane besteigen und vieles mehr.

moni verloren wir gleich nach 2 wochen auf einer wanderung um einen großen see auf der wilden insel toba in sumatra. lake toba war damals ein finsteres pflaster und bekannt für schwarze magie. so wurde es uns jedenfalls von anderen reisenden erzählt. wenn man die insel erwandert, begegnet man auch ausreichend finsteren gestalten. moni steigerte sich dermaßen rein, dass sie von jedem, der uns über den weg lief, verhext würde, dass sie kurzentschlossen am nächsten tag wieder nach thailand zurückfuhr und uns auf der insel koh samui erwarten würde. in 2 1/2 monaten. wir trafen moni auch tatsächlich dort an, gesund und munter und bekannt wie ein bunter hund. sie hatte ihre leidenschaft für thailänder entdeckt und mindestens 5 von ihnen in der zeit das herz gebrochen.

nina und ich blieben auf der geplanten route und verloren sie auch nicht. dafür irgendwie andauernd unser herz 😉

zunächst ich auf java, in yogyakarta, an einen bezaubernden javanesischen batikkünstler, der mir zunächst die kunst der batikmalerei beibrachte und mir anschließend sein großes, wunderbares java-herz schenkte, das ich 3 wochen später, als wir weiterfuhren, leider wieder brach. ich verliebte mich auf der reise dann nicht mehr. ganz im gegenteil zu nina, die sich dauernd verliebte. überall und dauernd. unser briefkasten quoll nach unserer heimkehr förmlich über vor liebesbriefen. nina schmachtete lesend und ich sammelte bunte briefmarken. ich verliebte mich unter anderem auch deshalb nicht, weil sich mein magen-darm-trakt verabschiedete. ich hatte sage und schreibe 3 wochen lang verstopfung. nichts half. die ganze nachbarschaft unseres kleinen hotels litt mit. wenn ich die straße entlangging, kamen die menschen aus den häusern und fragten mich mit mitleidsmienen:

„sudha?“ was soviel heißt wie: „hast du schon?“

„belum“ antwortete ich, „noch nicht.“ worauf jedesmal ein raunen durch die menge ging. in meiner letzten verzweiflung schleppte ich mich zum heimischen markt und kommunizierte mit händen und füßen und mithilfe meines wörterbuchs mein problem. im wörterbuch stand das wort für durchfall, es hieß berak berak. verstopfung gab es nicht. also bastelte ich mir den satz zusammen: „saya tidak berak berak“ was soviel heißen sollte wie: „ich kann nicht durchfall.“

kaum hatte ich den satz von mir gegeben, ging ein raunen durch die menge und eine eifrige diskussion brach los. am ende verließ ich die markthalle  mit einer riesigen tüte voller wurzeln und kräuter, die ich mehrere stunden lang kochen und dann den sud trinken sollte. die hotelküche ließ sich mitfühlend für diese prozedur breitschlagen. was zur folge hatte, dass das ganze hotel mehrere stunden lang nach verwesung roch. verzweifelt trank ich den sud und wartete. und siehe da, nach etwa 1 stunde ging es los. und wie. ich blockiete die hoteltoilette (es gab nur 1) bis zum abend und danach wollte niemand mehr drauf. vermutlich wochen lang nicht mehr. frei und glücklich wie ein schmetterling ging ich abends in die stadt und als ich unsere kleine straße entlangging und die frohe botschaft kundtat, klatschten die nachbarn glücklich in die hände. javanesen sind unglaublich liebe menschen. sie haben mich sicher lange nicht vergessen 😉

es war ene tolle reise, vor allem, nachdem meine verstopfung behoben war 😉 und wir erlebten noch so manches wunderbare abenteuer. moni wollte nach der reise irgendwie nicht mehr mit uns befreundet sein, aber nina und ich sind es heute noch. und wir teilen so geren die gemeinsame erinnerung an diese reise.

Turbo-Erleuchtung in Indien

heute war der termin für meine 2. zometa-infusion. wohlwissend, dass es etwas länger dauert, habe ich mir zu hause meine lesebrille und ein buch zurechtgelegt und diese dann schön liegengelassen. super. so saß ich die ersten 10 minuten meiner infusion etwas ratlos herum, mit tropf im arm zur bewegungslosigkeit verdammt und langweilte mich. dann aber lehnte ich mich einfach entspannt zurück, schloss die augen, setzte mich auf meinen mentalen, fliegenden zauberteppich und ließ mich wegtragen – weit weg! und landete in indien.

dort war ich nämlich mal als studentin, ganze 6 monate lang. ich war damals eine ambitionierte amateur-fotografin und hoch motivierte weltreisende mit einem langgehegten traum: indien. das land übte von jeher eine starke faszination auf mich aus und eines tages beschloss ich, mir ein freisemester zu nehmen und meinen traum umzusetzen. mein plan war, von rishikesh bis zur quelle des ganges zu pilgern und  diese reise fotografisch und schriftlich zu dokumentieren.

so kam ich an einem oktobertag in rishikesh an, der heiligen stadt am ufer des heiligen flusses ganges. und blieb. 6 monate lang. aus verschiedenen gründen. ich blieb und tauchte tief in das leben dieses ortes am ganges ein. was machte ich dort? ich lernte ein indisches seiteninstrument spielen; machte eine ausbildung zur yogalehrerin; saß viele stunden auf den ghats, den breiten, steinern stufen, die zum ganges führen und sah dem vorbeifließenden wasserstrom nach; trank unmengen chai; verliebte mich unsterblich in einen guru und lernte sehr viele, sehr spezielle menschen kennen.

rishikesh war, damals zumindest, ein traum. wie man sich indien vorstellt. ein kleines, beschauliches städtchen, das sich verträumt zu beiden seiten des ganges an die ufer schmiegte. es gab unzählige tempel und ashrams und noch mehr heilige männer, sadhusgurus und babas, die dort ihr heil suchten aber auch die naivität heilsuchender touristen ausnutzten. es gab eine sehr lange, sehr schmale , sehr schwankende hängebrücke, die beide teile der stadt miteinander verband. von der brücke herab konnte man 10 m tiefer gewaltige, ebenfalls heilige fische füttern. und wie die gefüttert wurden! manchmal dachte ich, die brücke bricht durch. kein wunder, dass die fische so gewaltig waren. als zentraler ausgangsort für die pilgerwanderung zur gangesquelle fanden sich das ganze jahr über große scharen buntgekleideter pilger aus vielen teilen indiens ein, die fröhlich und laut die stadt bevölkerten. es gab ebenso große scharen touristen aus aller welt, die nach rishikesh kamen um sich selbst zu suchen und möglichst auch zu finden. das straßenbild wurde durch herden weißer, langhörniger, freilaufender kühe (auch heilig, superheilig sogar) und genauso heiliger, terror verbreitender affenscharen bevölkert. in rishikesh war einfach alles heilig. und scheinbar hatte jeder, der sich in der stadt aufhielt irgendetwas mit dem heiligen zu tun, auch wenn er es nur vorgab. sogar die bettler waren heilig. zumindest hatten sie einen mächtig guten trick drauf, um touristen, die alles, was auch nur ansatzweise heilig aussah verehrten, ein paar rupiahs abzuschwatzen. der chef der truppe war ganesh, ein überaus pfiffiger, sehr erfahrener bettler, der in seiner person alle symbole eines heiligen mannes vereinte: orangene kutte, lange weiße haare, langer weißer rauschebart, diverse aufgemalte symbole auf der stirn und einen entrückten blick über einer gewaltigen hakennase.

„sir, give me rupiahs, please,“

sprach er einen mit tiefer stimme an. wenn man von ihm wissen wollte, warum oder aber einfach weiterging und ihn ignorierte, sagte er:

“ I am a very holy man. I am the most holy man in rishikesh. I am the incarnation of abraham lincoln.“ 😆

mit dieser nummer hatte er ein lukratives einkommen.

bum bum bhaba hieß der guru mit dem sicher größten unternehmergeist im ort. er hatte sich auf italienische heilsuchende spezialisiert. diese waren in der regel nicht nur nach erleuchtung sondern auch nach dem stärksten haschisch auf der suche. bum bum bhaba versprach ihnen die sofortige erleuchtung, turbo-erleuchtung, durch flying meditation. das sah dann so aus, dass er ihnen am ufer des ganges das stärkste kraut zu rauchen gab, dass sich auftreiben ließ und ihnen mit bassstimme befahl: „now, you fly!“ und sie flogen. und wie sie flogen. wir hatten alle viel spaß ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich entrückt und glückselig am ufer des flusses herumwälzten. übrigens gab es auch sehr viele kiffende österreicher dort. einer davon wohnte neben mir im zimmer. 6 monate saß er kiffend auf dem balkon, starrte auf die straße und den ganges und sprach nicht. nach 6 monaten drehte er sich zu mir um und sagte in tiefstem österreichisch: „i foar zrück. nach wien. die küah werden mir schoa abgehn.“ was er von dieser reise wohl mit nach hause nahm?

es gab auch zahlreiche japaner, israelis und deutsche. die japaner waren meist mit einer mission unterwegs und wollten in japan mit indischen gurus spirituelle zentren eröffnen und waren ganz wild da drauf. ich erinnere mich an viele junge israelis, die auf mich den eindruck machten ausbrechen zu wollen. aus dem wo sie herkamen. und an deutsche, die die sache mit der erleuchtung ziemlich ernst und verbissen angingen 😉

und ich erinnere mich an ursula. ursula war eine ausgestiegene schweizer künstlerin undefinierbaren alters, die vor 30 jahren nach rishikesh gekommen war, blieb und als einsiedlerin hoch oben im berg wohnte. sie lebte dort mit 2 großen hunden und 2 verdächtig gut aussehenden, jungen indern in einer höhle, die sie zu einem gesamtkunstwerk umgebaut hatte. jeder pilgerte mal zu ihr hoch. so auch ich. und traf auf eine bemerkenswert alterslose, geistig sehr klare person in kurzen lederhosen und gretchenzöpfen. ursula gehört zu den merkwürdigsten menschen, die mir jemals begegnet sind. man sagte ihr sexaffären mit allen männlichen bewohnern rishikeshs nach.

ich könnte jetzt noch 100 seiten schreiben, das ist aber nicht sinn und zweck eines blogs, daher nur noch eine kleine, aber mir sehr schöne erinnerung:

auch ich verfiel in der zeit natürlich der faszination des heiligen. eines tages ging ich alleine am ganges spazieren, als mich ein junger sadhu ansprach. ein sehr gut aussehender sadhu, mit grünen augen und einer schwarzen, wunderschönen haarpracht. er erzählte mir ein wenig von sich und dass er sozusagen ein novize sei, der in einem kleinen kloster wohne und auf der suche nach erleuchtung nach rishikesh gekommen sei. er wollte mir unbedingt aus der hand lesen und ich ließ ihn. konzentriert schaute er in meine handfläche und erzählte mir mit geheimnnisvoller stimme, indien sei mein schicksal. ich würde am ufer eines großen flusses einen mann treffen, der mir die erleuchtung bringen würde. dieser mann hätte grüne augen. 😆 😆 😆

und dann erzählte er mir eine alte geschichte. die geschichte von einem könig, der allen irdischen gütern entsagte und sich für 20 jahre in eine höhle zurückzog, dort meditierte und auf seine erleuchtung wartete. nach 20 jahren war er immer noch nicht erleuchtet. da kam er aus seiner höhle heraus und just in dem augenblick kam eine junge, wunderschöne, blonde frau vorbei. sie gingen gemeinsam in die höhle und liebten sich. und was passierte dann? richtig, beide wurden sofort erleuchtet. turbo-erleuchtung.

ich hab mich nicht erleuchten lassen und er war auch nicht der guru, in den ich mich verliebte. aber das ist eine andere geschichte.


Schwarzer Regenmantel

meine gestrige geschichte und vor allem auch die kommentare dazu haben in mir erinnerungen wachgerufen und die frage, warum man sich damals eigentlich immer so komisch gefühlt hat. so, als wäre man immer und überall fehl am platz, hässlich, unbeholfen und genervt von allem, vor allem von eltern. ich meine mich zu erinnern, dass ich jahrelang liebeskummer hatte. klar, pubertät. 13 jahre alt. schreckliches alter. ich nenne es: schwarzes regenmantel-alter.

ich hatte also diesen fürchterlichen rundschnitt auf dem kopf. ich weiß nicht mehr, ob das hormonell bedingt ist, dass man mit 13 immer leicht bis stark fettige haare hat. ich weiß aber, dass ein fettiger rundschnitt echt scheiße aussieht, er klebt am kopf fest und das gesicht scheint dann nur noch aus nase zu bestehen. die vor mitessern nur so strotzt. ich habe damals immer einen kamm mit mir rumgeschleppt um mir bei jeder gelegenheit den fettschopf zu kämmen, damit der rundschnitt etwas fluffiger wird. was trug ich, als ich 13 war? röhrenjeans von wrangler. ich meine, echte röhrenjeans, in die man mit dem schuhlöffel rein kam und den reißverschluss auf dem rücken liegend mit der zange zumachte. es ist ein großes wunder, dass unsere generation nicht komplett unfruchtbar wurde durch die ständig massiv eingeklemmten gebärutensilien untenrum. standard war zudem der obligatorische grüne armee-parker. möglichst paar nummern zu groß. an den füßen camel-boots. das waren so unförmige dinger mit gerippter, beiger gummisohle. sahen erst ab schuhgröße 41 so richtig gut aus 😉

so schlappte ich durch die gegend: rundschnitt, grüner armee-parker, riesige flatsch-schuhe an den füßen und überwiegend muffiger gesichtsausdruck. und genervt von meinen eltern, die eigentlich immer schrecklich lieb waren.

eines tages war ich mit meiner mutter shoppen. ich weiß nicht mehr, ob sie darauf bestand oder ich es unbedingt so wollte (unsere erinnerung stimmt hier nicht überein), jedenfalls kauften wir einen mantel. einen schwarzen, trenchcoatartigen, glänzenden regenmantel. sehr auffälliges teil. vor allem für einen teenager, der eigentlich nichts lieber wäre als unsichtbar. fortan schlappte ich also in diesem schwarzen regenmantel durch die gegend. und ich erinnere mich vor allem daran: meine schöne mutter, die gut gelaunt durch die stadt läuft und hinter ihr: eine bohnenstange mit rundschnitt in einem schwarzen regenmantel. mit finsterem gesichtsausdruck. und ich hasste es, wenn meine mutter mich dann in der öffentlichkeit ansprach. entsprechend war meine reaktion 😉

zum glück für alle beteiligten, inklusive mir, bin ich dieser phase entwachsen.

es muss aber ein bild gewesen sein, dass sich auch meiner mutter tief einprägte. noch heute fragt sie mich, wenn ich depri und schlecht gelaunt bin:

„na, hast du heute deinen schwarzen regenmantel-tag?“

Tanzstunde mit Karotte

ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt als ich ihn kürzlich zufällig sah. aber doch, er wars: mein tanzpartner aus der tanzstunde. ich hätte ihn nicht wiedererkannt, da er eine eigenschaft mit vielen männern teilt, die man schätzungsweise 20 jahre nicht mehr gesehen hat: er hat kaum noch haare. früher hatte er haare, ohja, und die waren rot. feuerrot oder vielmehr fuchsrot. man könnte auch sagen karottenrot.

ich war 14 als ich in die tanzstunde ging. ich war damals schon so groß wie ich heute bin, fast 1. 80 m, und ich wog schätzungsweise 30 kilo. man nennt sowas auch: ellenlanger, dünner spargel, bohnenstange oder auch langes elend. in der schule hatte ich damals den netten spitznamen giraffe. es war auch die zeit, in der mein frisör offenbar eine phase hatte, in der er mädchen und frauen hasste. jedenfalls schnitt er mir meine hüftlangen, blonden locken ab und ersetzte diese durch einen kurzen rundschnitt. das war damals gerade top-modern. ich sah aus wie eine blonde, dürre mireille mathieu.

so betrat ich also die tanzstunde: lang, dürr, mit elendem rundschnitt.

ich war die größte von allen. insbesondere alle jungs überragte ich um haupteslänge. es gab mehr mädchen als jungs. und wer musste meistens mit dem tanzlehrer tanzen, ratet mal? ich. die jungs orientierten sich lieber an den etwas handlicheren, kleineren modellen. trotzdem tanzte ich mich irgendwie bis zum abschlussball durch foxtrott, langsamer walzer und den ententanz. ich glaube, der ententanz war der einzige tanz, den ich einigermaßen beherrschte. tja, der abschlussball. ich erinnere mich noch ganz genau an die tanzstunde in der die jungs ihre partnerin für dieses ereignis auswählten. wir mädchen saßen alle in einer langen stuhlreihe und die jungs standen uns gegenüber. auf die plätze, fertig, los! da saß ich dann, übrig gelassen mit noch 2 anderen frustis. eine war total dick, die andere total hässlich und ich eben total lang 🙂

ich glaube, so beschissen hatte ich mich zuvor auch noch nicht gefühlt. aber dann, oh wunder, stand doch ein junge vor mir: hans-peter. er hatte sommersprossen und fuchsrote haare. sehr viel später habe ich erfahren, dass er immer für mich geschwärmt und sich nicht getraut hatte, mir das zu zeigen. bis zum abschlussball eben. mann, war ich erleichtert! ich, giraffe, hatte einen tanzpartner!

am ballabend präsentierte ich meinen eltern stolz hans-peter. und meine mama, mit ihrem für sie typischen humor, fragte mich in einem stillen moment:

„warum tanzt du denn mit dieser karotte? hast du keinen anderen bekommen?“

nein, hab ich nicht, mama.

das wars dann für mich für den abend. ich habe nur noch mit meinem papa getanzt. wer will schon mit einer karotte tanzen?

ich habe das meiner mam mittlerweile verziehen 😉 aber hans-peter, der hat mir das nie verziehen. er hat mich danach lange gehasst. darum an dieser stelle: respekt, karotte und danke, dass du damals so viel mut hattest, eine giraffe zum abschlussball zu führen 😆

Goldene Kindheit oder: Nostalgie, verlass mich nie!

gestern war nostalgietag. mittags war ich bei meinen eltern zum oster-essen. als ich nach hause kam, war ich irgendwie ganz nachdenklich und traurig und schwelgte in erinnerungen. vielleicht, weil ich mich im moment so nach einer zeit sehne, in der die welt noch in ordnung war. nach einer zeit vor meiner brustkrebs-diagnose. nach einer zeit der unbeschwerten kindheit, in der noch alles vor einem lag, eine strahlende sonnige zukunft voller abenteuer und verheißungen.

nachmittags kam meine gute freundin anne, der goldschatz, vorbei um mir am feiertag ein bisschen gesellschaft zu leisten. ich war ziemlich schlapp und redefaul und da hatte ich eine idee. „im fernsehen kommt gleich tom sawyer und huckleberry finn. die alte version von ´68. na, sollen wir?“ ein begeistertes „ja!“ war die antwort. und so tauchten wir 1 1/2 stunden in die wunderbare welt von tom & huck ein. was für eine grandiose idee, kann ich nur sagen! wir hatten den film beide vor gefühlten 100 jahren das letzte mal gesehen. von einer sekunde auf die andere saßen wir staunend und nostalgie-gefüllt bis unter die haarwurzeln auf dem sofa und gaben uns seufzend den abenteuern der beiden lausbuben hin: tom mit seinem unvergleichlichen topfschnitt, dem frechen gesicht, abstehenden ohren und vor schmutz starrenden kleidern. tom, der sich nie wäscht, nur so tut als ob, während er auf der veranda mit den fingern in der großen waschschüssel plantscht und dabei brrrr-geräusche mit dem mund macht. tom, der vollständig angezogen im bett liegt, nur damit er um mitternacht, wenn huck von unten das käuzchen-signal gibt, sofort bereit ist, aus dem fenster auszusteigen und abenteuern entgegenzustreben. tom, der die schule schwänzt, weil es spannendere dinge gibt; der sich in becky verliebt, ihre aufmerksamkeit durch unnachahmlichen charme, radschlagen, pfeifen und zum-lachen-bringen erlangt (hey ihr männer da draußen, so geht das!!) und wieder verliert. erinnert ihr euch noch an die szene, als tom zur strafe tante polly´s ganzen, ewig langen zaun streichen muss und durch eine finte erreicht, dass alle dorfkinder ihn dafür bezahlen, nur damit sie den zaun streichen dürfen, während tom auf einer tonne sitzt und mundharmonika spielt und mit den zehen wackelt? oder daran, wie er mit huck auf einem floß auf die johnson-insel flieht und sich dort versteckt, damit alle glauben, er sei tot? nur weil er rausfinden will, ob seine tante polly, seine große liebe becky und alle anderen um ihn trauern?

und huck, der obdachlose sohn eines säufers, das schmuddelkind, mit dem keiner spielen darf und der perfekte abenteuer-gefährte für tom. oder die gute alte tante polly mit ihrem riesigen häubchen und ebenso riesigem herz. und indianer jo, der böse, düstere mörder, der perfekte kinderschreck und tunichtgut, der, nur mit einem messer bewaffnet, nichts gutes im schilde führt. nicht zu vergessen: sam, der nigger.

und jetzt stellt euch die geschichte mal ins heute transferiert vor: tom würde vermutlich eine hauptrolle in teenager außer kontrolle oder in die supernanny spielen, wo er den ganzen tag in der wuthöhle und auf der stillen treppe verbringen müsste. huck wäre ein armes, verwahrlostes assi-kind und ein fall für das jugendamt. indianer-jo? vermutlich ein psychopathischer massenmörder. sam, der nigger, würde wegen politischem unkorrektsein aus dem drehbuch geschnitten werden.

gestern nachmittag waren anne und ich aber emotional und mental in einer zeit, in der so etwas noch möglich war. nix fernsehen, computer, handy und koma-saufen in der disco. stattdessen natur, flüsse, felder und wiesen, scheunen, in denen man sich verstecken und höhlen, die man erkunden konnte. eine welt voller geheimnisse und abenteuer und der notwendigkeit, seine fantasie einzusetzen, wenn man etwas erleben wollte. es war wohl auch eine zeit, die kindern den hierfür notwendigen lebensraum gab. in der man nicht immer und überall per handy erreich- und kontrollierbar war. ich selbst erinnere mich noch daran, dass wir kinder zuweilen den ganzen tag in der gegend umherstreiften, ohne dass die erwachsenen wussten, wo wir waren. und das war auch in ordnung so! wie haben wir das nur überlebt? 😆

es war herrlich, sich gestern dieser welt hinzugeben, in gedanken wieder über felder und wiesen zu streifen, heuschrecken und schnecken zu fangen, sauerampfer zu kauen und abends nach einem langen, ereignisreichen tag, und nach dem sandmännchen natürlich, müde und zufrieden ins bett zu fallen. mir kam der gedanke, dass dies mental ein ort der kraft sein könnte, ein ort der gesundung. in diesem sinne: heute kommt auf 3sat der 2. teil. und ferien auf saltkrokan und pippi langstrumpf habe ich mir bestellt. via internet. man kann das rad der zeit ja nicht rückwärts drehen 😉