3 Wochen Indien: Könige der Straße

manche abschiede wiegen schwer. so hieß es für uns am nächsten vormittag, nach einem abschließenden 2-stunden-ritt, von unseren kamelen und kameljungs abschied nehmen. das war ganz schön hart. tilly und die ganze truppe waren mir sehr ans herz gewachsen. ich bin so jemand, wenn mir jemand oder etwas ans herz wächst, dann so richtig. zeitschindend packte ich meinen krempel in den reisebus und trödelte bei den kamelen und ihren führern herum. hauptthema war natürlich: tilly. nachdem ich kundtat, wie sehr mir tilly fehlen würde, scherzten die jungs herum, überlegten, wie man tilly am besten zusammen mit dem gepäck zusammenfalten könnte. stellten uns vor, wie tilly einfach im bus mitfahren würde. sohan rief, dass wir nun wirklich los müssten. also umarmte ich die jungs, die mich feste drückten, knuddelte tilly und verdrückte paar tränchen. winke winke. die jungs sahen auch betröppelt aus. ein weilchen saß ich depri im bus herum und nervte alle mit dem satz: „ich vermisse tilly. ich will wieder in die wüste.“ und ehrlich gesagt fehlen mir tilly und die jungs auch heute noch.

dann siegte aber das leben draußen auf der straße. autofahren in indien ist ein echtes erlebnis. ein waghalsiges unterfangen. jeder hat vorfahrt. so richtige verkehrsregeln gibt es nicht. oder sagen wir, sie werden ignoriert. die hupe ersetzt blinker, ampeln, verkehrsschilder. wer am lautesten hupt, hat recht. wer sich am aufdringlichsten in eine verkehrslücke quetscht, ist halt drin. wenn man es eilig hat, fährt man über den bürgersteig oder als geisterfahrer. es ist offennbar auch kein problem, auf einer autobahn zu wenden und ein stückchen als geisterfahrer zurück zu fahren. man muss halt nur laut und ausdauernd hupen. alles, was einen motor hat, darf gefahren werden. auch auf der autobahn. traktor und tuktuk gehören auch dazu. auch alles, was keinen motor hat, darf auf der straße und auf der autobahn unterwegs sein. ich habe pferde mit reiter im schnellem galopp im stadtverkehr und auf der autobahn gesehen. genauso wie kamelkarren und sonstige karren. merke: in einem tuktuk dürfen per se nur 3 fahrgäste fahren. 3 personen in indien entsprechen etwa 7-8. ich habe in einem tuktuk auf einer schnellstraße 14 passagiere gezählt.

wir haben unterwegs sehr ungewohnte und spaßige, durchaus aber auch beängstigende verkehrssituationen erlebt. man hat den eindruck, auf den straßen herrscht eine art sympathischer machtkampf. oder, um es mit sohans worten zu sagen: „in indien ist jeder könig der straße.“ mir ist noch sehr lebendig eine szene in der wüste in erinnerung, auf dem rückweg von der kamelsafari. ohne vorherige ankündigung wurden auf der einzigen, schmalen wüstenstraße straßenarbeiten durchgeführt. teerarbeiten. mit einer seelenruhe teerte der teerwagen vor sich hin, und unser bus fuhr mit 0,0001 km/h hinter ihm her. unser busfahrer hupte. keine reaktion. so ging das ein weilchen. schließlich stieg unser beifahrer aus, um sich der situation zu stellen. der beifahrer ist in indien übrigens ein ganz wichtiger mann. er schaut nach schlaglöchern, kauft getränke und bananen, hilft einem aus und in den bus und fungiert zudem als mobiles navigationssystem  😉

unsrer hieß surendra und war ein echter goldschatz. surendra stieg also aus und bat den teerwagenfahrer, dass er ein stückchen zur seite fahren und uns vorbeilassen solle. daraus entspann sich eine heiße diskussion, in deren verlauf immer mehr teilnehmer hinzukamen.

sehr ihr den bus im hintergrund? er war dann der wahre gewinner dieser situation. so ist das in indien 😉

die kommende nacht verbrachten wir übrigens in bikaner. eine schreckliche stadt *brrr*. laut, dreckig, uahh. aber vielleicht kam es uns auch nur so vor, weil der kontrast zu dem zuvor erlebten zu krass war. ein teil unserer gruppe, die nicht an der kamelsafari teilgenommen hat, war die ganze zeot über in bikaner verblieben und sie schienen echt angetan von der stadt. ich nicht. wollte wieder in die wüste. wollte zu tilly.

3 Wochen Indien: Mit Mickey Mouse und Bambi in der Wüste, Teil 1

endlich! was hatten wir diesem teil der reise entgegengefiebert: kamelsafari in der wüste thar. so richtig mit kamelreiten und im zelt schlafen. wir waren alle super aufgeregt. mutmaßungen über paradiesische wüstensonnenuntergänge, aber auch über wundgerittene hintern und durchgehende kamele machten schon tage vorher die runde.

irgendwann am frühen mittag kamen wir in unserem basislager an. wir wurden herzlich von einer familie willkommen geheißen, die uns ein wüstentypisches mittagsmahl auftischte, und unsere gruppe, noch schwer traumatisiert von vorangegangenen durchfall- und brecharien, beäugte misstrauisch, was auf dem tisch stand. in der wüste isst man anders, das stand schon mal fest. wir nippten vorsichtig an den speisen, die erstaunlich gut schmeckten. dann gab es eine runde köstlichen cai und eine regionale spezialität: opiumwasser, aus der handfläche getrunken. oha. ich hätte so gerne probiert, da dies magenmäßig aber mein erster richtig guter tag seit 10 tagen war, nahm ich abstand. besser gesagt: man ließ mich kollektiv nicht: „ne, du nicht. denk an dein vomex-erlebnis!“ 3 aus der gruppe trauten sich, merkten aber nichts davon. der rest der gruppe auch nicht 😉

neugierig äugten wir aus dem fenster, an dem eine karawane mit bunt geschmückten kamelen vorbeizog. beige und dunkelbraune, fast schwarze kamele, die besonders ins auge fielen. kurze zeit später beluden wir unsere begleitwagen und machten uns auf den weg zu unseren kamelen.

der anblick der kamele war beeindruckend. ganz schön groß sind die! ich hatte gleich ein wunderschönes, dunkelbraunes ins auge gefasst, auf das ich entschlossen zusteuerte. ich war fast schon da, als ein junger, schmaler mann mit weißen, wehenden kleidern und einem weißen turban schnellen schrittes meinen weg kreuzte, meinen arm nahm und mich mitzog: „come!“ sagte er. ich fing ein bisschen an zu maulen und auf das schwarze kamel zu zeigen – keine chance. so ist das in indien! nur wenige stunden später sah ich dieses ereignis als glückliche fügung an, zunächst aber stand ich leicht frustriert vor einem riesigen kamel mit derangierter kamel-visage.

„tilly!“ verkündete raji, mein zukünftiger kamelführer, stolz.

na toll, dachte ich, von allen kamelen bekomme ich das krüppelkamel. raji fackelte nicht lange, forderte mich auf, mein kamel zu besteigen, sagte etwas zu ihm und mit einer ausladenden, völlig ungewohnten schiffschaukelbewegung erhob sich tilly. erst vorne, dann hinten. flap. flap. um mich herum machte es überall flap. flap und kurze zeit später saßen alle hoch oben auf ihren kamelen. die kamelführer nahmen die führstricke in die hand, unser gepäckkarren, inklusive sohan, unserem reiseführer und 1, 2 kamelverweigerern, ruckelte los und wir brachen auf. in die wüste thar, dem abenteuer entgegen 😆

giggelnd saßen wir auf unseren kamelen und alberten herum. überhaupt alberten wir auf dieser reise viel herum, aber in der wüste erreichte dies einen höhepunkt. ich habe seit jahren nicht mehr so völlig albern herumgeblödelt und gegiggelt wie in diesen 3 tagen. tilly war das leitkamel. tilly und ihre schwester sua, die direkt nebendran herumschaukelte. ich drehte mich um und erblickte ein paar kamele hinter mir meinen mann, der sichtlich zufrieden, mit einem lawrence-von-arabien-gesichtsausdruck auf einem besonders imposanten tier saß. tilly entpuppte sich als überaus bequemes und braves kamel. was nicht selbstverständlich war. wie ich auf dieser safari lernte, sind kamele durchaus eigensinnig. und sie haben humor. es gab ein sehr, sehr unartiges kamel. seine reiterin stieg nach kurzer zeit ab, fuhr fortan nur noch auf dem gepäckwagen mit, und das kamel wurde  den rest der safari von einem erfahrenen kamelführer diszipliniert und handelte sich am 2. tag eine tracht prügel ein. ich hätte es auch verhauen, ehrlich! ein anderes kamel ließ sich einfach mal so zur seite fallen, als sein reiter es bestieg. resultat war eine verrenkte hüfte, die abends wieder eingerenkt werden musste. und ein weiteres kamel kippte um. das heißt, es ließ sich am 2. tag samt reiterin einfach in einen busch fallen. juchhuuu. spontane kamellähmung. all diese aktionen wurden von lautem kamelführer-gelächter begleitet. die jungs waren mindestens so albern wie wir. inder sind generell sehr verspielt, mit hang zur albernheit. aber die wüstenjungs toppten alles. ich lernte tilly schätzen. tilly war der superstar. raji, mein kamelführer und ihr besitzer, gab mir die ganze zeit zu verstehen, wie sehr er tilly liebte und wie toll und lieb und vor allem wie schnell sie sei. sie wurde geknuddelt, geknutscht und lobgepriesen. ich saß 3 stunden auf tilly und war ihr verfallen. trotz trümmerschnute.

ein stolzer raji mit seiner tilly und sua:

nachdem wir uns alle ein wenig eingeschaukelt hatten, fingen wir an, die umgebung wahrzunehmen. die wüste thar ist traumhaft schön. dünen gab es zunächst keine, vielmehr eine steppenartige weite, mit rundhäuser-siedlungen und kindern, die winkend und lachend aus den umzäunten siedlungen auf uns zuliefen.

ich verteilte maom an die kinder und an unsere kamelführer, die im grunde genommen auch kinder waren. junge burschen, die schon familie hatten und eine solche tiefe zufriedenheit, heiterkeit und freiheit ausstrahlten, dass sie für mich geradezu physisch greifbar war. ich schaute mich um, nahm die schönheit und grenzenlose weite der wüste wahr und fragte mich, nicht zum ersten mal auf dieser reise, wie viel man braucht zum glück. und ob man so wird, wenn man in dieser wüstenlandschaft wohnt. ob diese weite auch im herzen und bewusstsein ist. ich meine, ja.

raji und ich verstanden uns hervorragend. wir hatten eindeutig einen draht zueineinander. nach einer ersten pause kletterte raji hinter mich aufs kamel, mampfte maom, wir babbelten hindi und englisch-kauderwelsch und redeten eigentlich die ganze zeit über tilly und wie toll sie wirklich sei. ich erfuhr, dass raji schon 2 kinder hat und: wie toll tilly sei 😆 ich bat ihn, mir zu zeigen, wie man ein kamel lenkt und reitet und er gab mir einen crashkurs. gar nicht so leicht. die zügel sind über kreuz und es geht eigentlich alles über stimme und die zügelführung. erste versuche meinerseits wurden von tilly vollständig ignoriert. ich gab nicht auf, und nachdem ich über 2 stunden ständig mareh! mareh! rief, mit der zunge schnalzte und das lange zügelende gegen ihren hals wippte, klappte es: tilly trabte an. uiuiuiuiui. ganz schön schnell, so ein kameltrab. und wie weich das ist! ich war völlig begeistert und trabte munter drauflos, bis wir mit einsetzendem sonnenuntergang unser erstes nachtlager erreichten. junge, junge, war das  schön, was uns erwartete. so hatte ich mir das vorgestellt:

als wir alle abgestiegen waren, brach ein beachtliches gejammere los und es kam zu einem regen austausch von wund- und heilsalben. alle liefen breitbeinig herum und cremten sich hinter den büschen die wunden hinterteile ein. uff. dann gab es dinnertime im dinnerzelt. auch auf die gefahr hin, dass ich mich wiederhole: in indien erlebt man dinge, die man sonst nirgends erlebt. zum beispiel ein dinnerzelt mit walt disney motiven mitten in der weiten wüste thar. so speisten wir denn mit mickey mouse, daisy duck und bambi.

übrigens nahm ich an diesem abend das bislang beste essen der reise ein. unglaublich, welche vielfalt und köstlichkeiten unser koch in seinem mobilen kochzelt zauberte. es blieb mir ein rätsel!

3-sterne-zelt:

der abend war kurz, wir saßen noch ein weilchen glückselig um das lagerfeuer, alberten mächtig zufrieden in der gegend rum, tranken cola-rum und krochen bald darauf in unsere zelte, wo wir binnen weniger minuten den schlaf der gerechten schliefen. glücklich. glücklich. glücklich.