3 Wochen Indien: Mit Mickey Mouse und Bambi in der Wüste, Teil 2

mein allererster morgen in der wüste. ich meine, überhaupt. unglaublich schön. wie still. und dieses licht.

es war noch früh, als sich eine erstaunlich gut ausgeschlafene und zufriedene truppe im walt disney-speisezelt einfand. heißer chai, heißer, süßer reisbrei mit frischen früchten, cashewnüssen, kardamon und zimt und ein korb frischer früchte. wie lecker ist das denn! eine knappe stunde später hieß es zum zweiten mal aufsitzen. nicht für alle. es gab eine lädierte hüfte, 2 malträtierte hinterteile und eine, die nie mehr ein kamel besteigen wollte. die fuhren im transportkarren. ein großer teil der gruppe entschloss sich dazu, die morgenetappe zu fuß zurückzulegen. am ende waren wir zu fünft, die auf dem kamel saßen. meine bemühungen vom vortag wurden belohnt: ich durfte alleine reiten. nur tilly und ich. wow. ich fühlte mich wie wie irgendeine wilde, in freiheit lebende wüstenpronzessin, so eine art robina hood der wüste thar. lacht nur, der phantasie sind keine grenzen gesetzt. tilly tat tatsächlich überwiegend, was ich wollte. und raji war stolz wie wutz, dass seine touristin sein kamel alleine reiten konnte. unsere vormittagsetappe war traumhaft schön und auch ganz schön lang. mein hintern beschwerte sich lauthals, und ich sagte ihm, dass er sich nicht so dranstellen soll. wir sahen an diesem tag endlich dünen und dann wieder die charakteristische steppenartige natur. sohan, unser reiseleiter, hatte uns schon am vorabend erzählt, dass am vormittag der besuch einer bhijoj-familie auf dem plan stand. einer wüstenbewohnerfamilie. das war ein einzigartiges erlebnis! als wir im umzäunten hof der familie standen, hatten wir das gefühl, dass die familie nicht viel hat und dennoch alles, was sie braucht. es war blitzsauber dort und alle wirkten heiter. wie immer.

„ihr seid touristen. ihr habt geld. baut uns eine schule.“ richtete der hausherr an unsere adresse. das erlebten wir oft, diese forderung nach einer schule. in indien findet eine gewaltige bildungsoffensive statt. es gibt staatliche prämien für schulabschlüsse, es gibt viele schulen, und die inder schicken ihre kinder in die schule. auch auf dem land. auch in der wüste, wo die kinder jeden tag mehrere kilometer zu fuß zurücklegen, um in die schule zu kommen. überall begegnen einem kinder in blauen schuluniformen. und alle wollen was werden. fragt man die kinder mitten in der wüste, was sie werden wollen, antworten sie ohne zu zögern: „ärztin. polizist. lehrer.“ dieser bildungseifer und -wille ist sehr beeindruckend. vor und nach der schule helfen die kinder auf dem land auf den feldern mit. nix komasaufen 😉

wir legten grad zur rechten zeit eine mittagsrast ein. stolz wie oskar erreichte ich das mittagslager trabend auf tilly im alleingang. eine tafel und anschließend ein matrazenlager im schatten der bäume luden uns zu einem leckeren mittagsmahl und anschließender siesta ein.

an schlaf war allerdings nicht zu denken. das lag zum einen an mir. ich kann keinen mittagsschlaf machen. konnte ich noch nie. also kruschtelte ich so lange in meinem rucksack herum, bis alle wieder wach waren. und zum anderen lag das daran, dass man in indien nirgends und nie alleine ist. es dauert maximal 1 minute und wie aus dem nichts tauchen menschen auf. egal, wo man ist. sie tauchen auf und beobachten einen. wenn man sie anschaut, lachen sie sofort und rufen hello. wie sohan sagt: alle aus der lustigen kaste. man muss schon eine ganz besondere spaßbremse sein, wenn man diesem charme nicht erliegt. und kaum lächelt man zurück, ist an so was banales wie schlaf eh nicht mehr zu denken. „guckt mal, die kommen fernsehen!“ sagte einer aus unsere gruppe.

auf diesem bild noch etwas schüchtern:

auf dem nächsten schon deutlich aufgekratzter:

unsere kleine nicht-schlaf-truppe fing an herumzualbern und es dauerte nicht lange und wir giggelten und grölten herum wie die teenager. zur großen belustigung unserer zuschauer. 2 bäume weiter erblickten wir klaus. ihr wisst schon, den 1000-fragen-klaus. den „klaus hat eine sehr interessante frage gestellt-klaus.“ oder, um es mit den worten meines lieblings-mitreisenden zu sagen: „ich glaube, klaus schreibt ein buch. das buch der 1001 blödesten fragen.“

nun stand klaus von einer schar kinder umringt unter dem baum. und schwatzte auf sie ein. nach einer weile schlenderten die kinder einer nach dem anderen weg, bis klaus alleine stand. „schaut mal, klaus hat sie weggefragt, die armen kinder,“ kam es prompt aus unserer mitte. großes gegiggel. wir scherzten uns durch viele, dankbare lachthemen, wie zum beispiel heidi klum und germanys next topmodel. wie super, alle anderen fanden heidi klum genauso sch*** wie ich. wir lästerten tierisch über heidi ab und kamen zu dem schluss: „heidi ist defintiv nicht aus der lustigen kaste. heidi, wir haben leider kein foto für dich.“ nächstes thema. dschungelcamp. oder besser: wüstencamp. wir dachten uns aufgaben aus. 3 tage auf holzsätteln auf kamelen durch die wüste thar. 3 wochen linsen essen. 30 fragen von klaus. riesengelächter. ich glaube, die einzigen, die sich wirklich ausruhten, waren unsere kamele und die kamelführer.

und weiter gings! im nachhinein muss ich sagen, war es nicht sooo schlau von mir, weiterzureiten. am nächsten abend musste ich meinen hintern, der übelst wundgeritten war, desinfizieren und mit wundspray behandeln. ein vorgang, der so schmerzhaft war, dass ich das ganze hotel zusammenschrie. aber wisst ihr was? egal. der hintern ist wieder verheilt. und ich hatte einen famosen nachmittagsritt. völlig beflügelt trabte ich ins abendcamp ein. rajis großer bruder war so von meinen reitkünsten begeistert, dass er mir vorschlug, mit mir zusammen, schnell in die wüste zu reiten. ich meine jetzt, so richtig schnell. ich stellte mir vor, was mein hintern wohl dazu sagen würde, wenn ich mit diesem wilden wüstenkameraden auf einer wildgewordenen tilly im gestreckten galopp dünauf, dünab galoppieren würde. und verschob es auf den nächsten morgen.

der abend, der nun folgte, war einer der schönsten. er kommt ganz dick in mein geheimes buch der größten glücksmomente. zum einen sah ich von einer düne aus einen grandiosen sonnenuntergang.

und zum andern wurde mir eine außergewöhnliche ehre zuteil. während ich auf der düne saß und den unglaublichen sonnenuntergang in mich aufsog, kam raji ein wenig schüchtern auf mich zugeschlendert. und fragte mich, ob ich im lager der kamelführer mit ihnen einen cai mit kamelmilch trinken möchte. ich war ganz schön perplex. und mir dieser besonderen ehre, die ich nicht ablehnen konnte, ohne sie zu verletzten, bewusst. natürlich sagte ich zu und fragte sabine, die neben mir saß, ob sie mitkäme. so ganz alleine im dunkeln mit den ganzen jungs war es mir doch ein wenig mulmig. völlig zu unrecht übrigens. sie waren überaus höflich, respektvoll und freundlich. und so lustig! ich gab meine gelernten hindisätze zum besten und binnen einiger minuten waren wir nur noch am lachen und 10 neue lehrer brachten uns die wichtigsten sätze des hindi- und rajasthaniwortschatzes bei. und ich sag euch, dabei dreht sich alles um die liebe. die liebe. die liebe.

tee mit kamelmilch schmeckt übrigens großartig. sehr sahnig. die kamelmilch stammte, wie nicht anders zu erwarten, von dem wunderkamel tilly. die extra dafür gemolken wurde. was für ein wundervoller abend. ich wäre am liebsten geblieben. lachend und schweren herzens riss ich mich los und ging zu meiner gruppe ins bambizelt, wo schon das ultraleckere abendmahl aufgetischt wurde. ich war ganz schön glücklich. und stolz! derart beflügelt von diesem wunderbaren tag saßen wir nach dem essen noch lange mit cola-rum um das lagerfeuer, schauten in einen gigantischen sternenhimmel und zählten sternschnuppen. bis wir irgendwann mehr in die zelte fielen als gingen. was für ein morgen! was für ein tag! was für ein abend! was für ein großartiges glück!

3 Wochen Indien: Mit Mickey Mouse und Bambi in der Wüste, Teil 1

endlich! was hatten wir diesem teil der reise entgegengefiebert: kamelsafari in der wüste thar. so richtig mit kamelreiten und im zelt schlafen. wir waren alle super aufgeregt. mutmaßungen über paradiesische wüstensonnenuntergänge, aber auch über wundgerittene hintern und durchgehende kamele machten schon tage vorher die runde.

irgendwann am frühen mittag kamen wir in unserem basislager an. wir wurden herzlich von einer familie willkommen geheißen, die uns ein wüstentypisches mittagsmahl auftischte, und unsere gruppe, noch schwer traumatisiert von vorangegangenen durchfall- und brecharien, beäugte misstrauisch, was auf dem tisch stand. in der wüste isst man anders, das stand schon mal fest. wir nippten vorsichtig an den speisen, die erstaunlich gut schmeckten. dann gab es eine runde köstlichen cai und eine regionale spezialität: opiumwasser, aus der handfläche getrunken. oha. ich hätte so gerne probiert, da dies magenmäßig aber mein erster richtig guter tag seit 10 tagen war, nahm ich abstand. besser gesagt: man ließ mich kollektiv nicht: „ne, du nicht. denk an dein vomex-erlebnis!“ 3 aus der gruppe trauten sich, merkten aber nichts davon. der rest der gruppe auch nicht 😉

neugierig äugten wir aus dem fenster, an dem eine karawane mit bunt geschmückten kamelen vorbeizog. beige und dunkelbraune, fast schwarze kamele, die besonders ins auge fielen. kurze zeit später beluden wir unsere begleitwagen und machten uns auf den weg zu unseren kamelen.

der anblick der kamele war beeindruckend. ganz schön groß sind die! ich hatte gleich ein wunderschönes, dunkelbraunes ins auge gefasst, auf das ich entschlossen zusteuerte. ich war fast schon da, als ein junger, schmaler mann mit weißen, wehenden kleidern und einem weißen turban schnellen schrittes meinen weg kreuzte, meinen arm nahm und mich mitzog: „come!“ sagte er. ich fing ein bisschen an zu maulen und auf das schwarze kamel zu zeigen – keine chance. so ist das in indien! nur wenige stunden später sah ich dieses ereignis als glückliche fügung an, zunächst aber stand ich leicht frustriert vor einem riesigen kamel mit derangierter kamel-visage.

„tilly!“ verkündete raji, mein zukünftiger kamelführer, stolz.

na toll, dachte ich, von allen kamelen bekomme ich das krüppelkamel. raji fackelte nicht lange, forderte mich auf, mein kamel zu besteigen, sagte etwas zu ihm und mit einer ausladenden, völlig ungewohnten schiffschaukelbewegung erhob sich tilly. erst vorne, dann hinten. flap. flap. um mich herum machte es überall flap. flap und kurze zeit später saßen alle hoch oben auf ihren kamelen. die kamelführer nahmen die führstricke in die hand, unser gepäckkarren, inklusive sohan, unserem reiseführer und 1, 2 kamelverweigerern, ruckelte los und wir brachen auf. in die wüste thar, dem abenteuer entgegen 😆

giggelnd saßen wir auf unseren kamelen und alberten herum. überhaupt alberten wir auf dieser reise viel herum, aber in der wüste erreichte dies einen höhepunkt. ich habe seit jahren nicht mehr so völlig albern herumgeblödelt und gegiggelt wie in diesen 3 tagen. tilly war das leitkamel. tilly und ihre schwester sua, die direkt nebendran herumschaukelte. ich drehte mich um und erblickte ein paar kamele hinter mir meinen mann, der sichtlich zufrieden, mit einem lawrence-von-arabien-gesichtsausdruck auf einem besonders imposanten tier saß. tilly entpuppte sich als überaus bequemes und braves kamel. was nicht selbstverständlich war. wie ich auf dieser safari lernte, sind kamele durchaus eigensinnig. und sie haben humor. es gab ein sehr, sehr unartiges kamel. seine reiterin stieg nach kurzer zeit ab, fuhr fortan nur noch auf dem gepäckwagen mit, und das kamel wurde  den rest der safari von einem erfahrenen kamelführer diszipliniert und handelte sich am 2. tag eine tracht prügel ein. ich hätte es auch verhauen, ehrlich! ein anderes kamel ließ sich einfach mal so zur seite fallen, als sein reiter es bestieg. resultat war eine verrenkte hüfte, die abends wieder eingerenkt werden musste. und ein weiteres kamel kippte um. das heißt, es ließ sich am 2. tag samt reiterin einfach in einen busch fallen. juchhuuu. spontane kamellähmung. all diese aktionen wurden von lautem kamelführer-gelächter begleitet. die jungs waren mindestens so albern wie wir. inder sind generell sehr verspielt, mit hang zur albernheit. aber die wüstenjungs toppten alles. ich lernte tilly schätzen. tilly war der superstar. raji, mein kamelführer und ihr besitzer, gab mir die ganze zeit zu verstehen, wie sehr er tilly liebte und wie toll und lieb und vor allem wie schnell sie sei. sie wurde geknuddelt, geknutscht und lobgepriesen. ich saß 3 stunden auf tilly und war ihr verfallen. trotz trümmerschnute.

ein stolzer raji mit seiner tilly und sua:

nachdem wir uns alle ein wenig eingeschaukelt hatten, fingen wir an, die umgebung wahrzunehmen. die wüste thar ist traumhaft schön. dünen gab es zunächst keine, vielmehr eine steppenartige weite, mit rundhäuser-siedlungen und kindern, die winkend und lachend aus den umzäunten siedlungen auf uns zuliefen.

ich verteilte maom an die kinder und an unsere kamelführer, die im grunde genommen auch kinder waren. junge burschen, die schon familie hatten und eine solche tiefe zufriedenheit, heiterkeit und freiheit ausstrahlten, dass sie für mich geradezu physisch greifbar war. ich schaute mich um, nahm die schönheit und grenzenlose weite der wüste wahr und fragte mich, nicht zum ersten mal auf dieser reise, wie viel man braucht zum glück. und ob man so wird, wenn man in dieser wüstenlandschaft wohnt. ob diese weite auch im herzen und bewusstsein ist. ich meine, ja.

raji und ich verstanden uns hervorragend. wir hatten eindeutig einen draht zueineinander. nach einer ersten pause kletterte raji hinter mich aufs kamel, mampfte maom, wir babbelten hindi und englisch-kauderwelsch und redeten eigentlich die ganze zeit über tilly und wie toll sie wirklich sei. ich erfuhr, dass raji schon 2 kinder hat und: wie toll tilly sei 😆 ich bat ihn, mir zu zeigen, wie man ein kamel lenkt und reitet und er gab mir einen crashkurs. gar nicht so leicht. die zügel sind über kreuz und es geht eigentlich alles über stimme und die zügelführung. erste versuche meinerseits wurden von tilly vollständig ignoriert. ich gab nicht auf, und nachdem ich über 2 stunden ständig mareh! mareh! rief, mit der zunge schnalzte und das lange zügelende gegen ihren hals wippte, klappte es: tilly trabte an. uiuiuiuiui. ganz schön schnell, so ein kameltrab. und wie weich das ist! ich war völlig begeistert und trabte munter drauflos, bis wir mit einsetzendem sonnenuntergang unser erstes nachtlager erreichten. junge, junge, war das  schön, was uns erwartete. so hatte ich mir das vorgestellt:

als wir alle abgestiegen waren, brach ein beachtliches gejammere los und es kam zu einem regen austausch von wund- und heilsalben. alle liefen breitbeinig herum und cremten sich hinter den büschen die wunden hinterteile ein. uff. dann gab es dinnertime im dinnerzelt. auch auf die gefahr hin, dass ich mich wiederhole: in indien erlebt man dinge, die man sonst nirgends erlebt. zum beispiel ein dinnerzelt mit walt disney motiven mitten in der weiten wüste thar. so speisten wir denn mit mickey mouse, daisy duck und bambi.

übrigens nahm ich an diesem abend das bislang beste essen der reise ein. unglaublich, welche vielfalt und köstlichkeiten unser koch in seinem mobilen kochzelt zauberte. es blieb mir ein rätsel!

3-sterne-zelt:

der abend war kurz, wir saßen noch ein weilchen glückselig um das lagerfeuer, alberten mächtig zufrieden in der gegend rum, tranken cola-rum und krochen bald darauf in unsere zelte, wo wir binnen weniger minuten den schlaf der gerechten schliefen. glücklich. glücklich. glücklich.