Brustkrebstagebuch: Wie geht es mir 7 Monate nach der Operation?

gestern waren es 7 monate, seit ich operiert wurde. knapp 2 wochen zuvor hatte ich den knoten in meiner brust entdeckt. wird mal wieder zeit für ein paar plaudereien aus dem brustkrebstagebuch. die letzte plauderei ist schon eine weile her. ganz schön viel passiert in den letzten 6 wochen, ich blicke auf eine bewegte zeit zurück. ich habe wieder begonnen zu arbeiten, ich habe mir ein pferd gemietet und reite wieder, mein sohn ist ausgezogen, ich habe meine 2. brustkrebsnachsorge gehabt, ich habe mit der misteltherapie angefangen. früher ging die zeit oftmals einfach so vorbei, heute empfinde ich sie viel intensiver. ich nehme an, das ist ein charakteristisches merkmal einer solchen erkrankung oder generell einer nahtoderfahrung, dass man die dinge anschließend viel intensiver empfindet.

am samstag abend waren wir bei freunden auf einem sehr schönen gartenfest eingeladen. es waren sehr viele leute da, ein richtig turbulentes fest. ich traf dort eine gute, alte freundin, die mich seit ein paar wochen nicht mehr gesehen hatte. während wir uns unterhielten, sagte sie plötzlich:

an deinen augen sieht man, dass du langsam wieder zurückkommst. das letzte mal, als ich dich gesehen habe, warst du noch ganz weit weg. das hat mir ganz schön angst gemacht.“

tatsächlich, ist das so? und wo war ich dann eigentlich? ein wenig später fand ich mich in einer gruppe fröhlich plaudernder menschen auf der terrasse wieder. während ich den unterschiedlichen gesprächssträngen von allen seiten lauschte, merkte ich, wie meine wahrnehmung wegdriftete, über die terrasse hinaus, richtung horizont. ich schaute in die im wind raschelnden baumwipfel und höher hinauf, in den himmel, der sich rot färbte und lauschte, nahm die feinen schwingungen wahr. spürte im gleichen augenblick den kleinen unterschied zwischen mir und den anderen. spürte, wie ich nach wie vor vergleiche. in diesem augenblick wurde mir bewusst, was meine freundin meinte. ich befinde mich nach wie vor in einer art parralel-universum. dem brustkrebs-universum. von dort unternehme ich nun immer häufiger ausflüge in die normale welt. ob ich dort jemals wieder ganz ankomme? keine ahnung. und ist es schlimm, wenn es nicht der fall ist?

am anfang meiner erkrankung habe ich ein buch von kora decker gelesen, in dem sie über ihre erfahrungen mit der diagnose brustkrebs berichtet. mitunter sehr amüsant! sie beschreibt in ihrem buch einen ganz besonderen augenblick. ziemlich genau 1 jahr nach ihrer diagnose erfüllt sie sich einen traum und unternimmt eine große reise nach australien. an einem sonnigen tag entdeckt sie einen idyllischen, kleinen see. und während sie sich darin völlig zufrieden auf dem rücken treiben lässt, wird ihr mit einem mal etwas bewusst: dass sie nicht mehr an brustkrebs denkt. dass ihre sinne frei davon sind.

ich denke, das ist ein prozess, den man durchlebt: der anfängliche schock und die trauer; dann die mühen der therapie und die auseinandersetzung mit dem lebenstrieb und dem prinzip hoffnung; die allmähliche wiedergewinnung der körperlichen und geistigen belastbarkeit und die damit verbundene, freigesetzte energie; die stufenweise rückkehr ins leben mit arbeit, partnerschaft, familie, freundeskreis; dem bedürfnis und bemühen, neu gewonnene erkenntnisse über sein leben (was tut mir gut!) in den alltag zu integrieren; und dem auf und ab, das mit diesem prozess verbunden ist. und während dieser ganzen zeit ist man von diesem brustkrebs-dingsbums erfüllt. es ist nicht so, dass man ständig bewusst daran denkt, aber es tickt im hintergrund. tick, tick, tick.

und wie geht es mir dabei im moment? wie kann man das am besten beschreiben? vielleicht so: ich fange an, meine umgebung wieder viel stärker wahrzunehmen und auch auf sie einzugehen. meine angst hat sich in ein kleines hinterstübchen zurückgezogen. ich bin häufig noch von situationen überfordert. stress geht gar nicht. ich bin auch oft traurig. ich traue mich wieder, pläne zu schmieden, die weiter weg sind als 6 monate. es gibt ganz schön viele dinge, die neu in meinem leben sind und die mir großen spaß machen. es gibt ganz schön viele dinge in der zukunft, auf die ich mich freue. ich schaffe es deutlich besser als früher mich abzugrenzen. und das vielleicht wichtigste: früher bin ich einfach so durch meinen überbordenden alltag gewuselt, meist von irgendwas gestresst, mit 1000 dingen im kopf, die ich am nächsten tag, in der nächsten woche, im nächsten monat und jahr tun möchte. das ist jetzt anders. klarer. wenn ich nach vorne schaue, sehe ich einen hellen, schnurgeraden weg vor mir.

mal sehen, was die nächsten monate so bringen.

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