Rehageflüster: Moin Moin!

yepp, bin angekommen. nach einer sehr, sehr, sehr langen zugreise, in deren verlauf es, je weiter ich nach norden kam, dunkler, verregneter und stürmischer wurde. bis ich schließlich in sylt aus dem zug stieg und sofort bis auf die knochen durchweicht war. ich liebe den deutschen sommer 😉

aber es ist schön hier zu sein, ich habe ein schönes zimmer mit vollem meerblick *freu*, und heute scheint die sonne von einem blauen himmel herab, auf dem dramatische, weiße wolken vom wilden wind vor sich hergetrieben werden. der weiße strand glitzert, die nordsee schäumt, das dünengras beugt sich dem wind, die möwen schreien, alles gut. sylt ist einfach eine wunderschöne insel. ich liebe sylt.

die klinik ist noch so licht, hell und schön, wie ich sie in erinnerung habe, seit ich 2010 das erste mal hier war. mir scheint, das diesmal nicht so viele patienten da sind wie damals, es ist etwas ruhiger hier. meine tischnachbarn sind diesmal nicht sooooooo lustig, wie damals. es gibt eine nette sie, nenne sie mal monika, oder besser brust-moni (brustkrebs wie ich), einen 82-jährigen, extrem fitten herren, lungen-egon und dann ist da noch der dieter, von dem weiß ich noch nicht viel, er spricht nicht viel. im gegensatz zu lungen-egon, der ein sehr bewegtes leben geführt hat und nun, in zweiter ehe mit einer 20 jahre jüngeren frau, immer noch führt. und davon erzählt. herr, lass mich mit 82 noch so fit sein wie egon! brust-moni hat sich 2 tage vor der abfahrt hierher mit der gartenschere die fingerkuppe abgeschnitten und hat einen riesenverband. ansonsten habe ich mich noch nicht so umgeschaut, muss erstmal ankommen.

allerdings ist mir aufgefallen, dass es hier viele mecker- und motzgrüppchen gibt. das hat aber auch eine triftigen grund: die klink wird bestreikt. schöne scheiße. ein hübscher, kleiner warnstreik, der dafür sorgt, dass die zimmer nicht saubergemacht und die anwendungen runtergefahren werden und das essensbuffet sehr reduziert ist. heute mittag gab es tatsächlich ca. 10 cm große gurkenstücke als salat, hmpf. also, nicht so prickelnd das ganze, muss ich sagen. soll noch bis donnerstag gehen und ich hoffe, danach hat es sich ausgestreikt.

bis dahin mache ich das beste draus, sehe es einfach mal als kostenlosen sylturlaub mit vollpension, habe mir schon ein rad gemietet, bin fleißig zwischen den dünen gegen den wind  angeradelt, war am strand spazieren und habe mir schon ein paar reiteinheiten gebucht. es gibt schlimmere schicksale 😉 dennoch hoffe ich, dass sich das mit dem streik  wieder legt, hatte mich ja schon sehr auf die anwendungen gefreut. morgen steht als highlight eine hausführung in meinem plan, wenn ihr versteht…

drückt mal die däumchen 😆

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Joschi spielt Versteck

hört sich süß an, die überschrift, oder? schöne vorstellung, dass mein mittelgroßer, schwarzer, wuscheliger tibet terrier mit mir verstecken spielt, nicht wahr? ich kann euch nur sagen: spaß ist was anderes. der kleine tibet terrier hat uns nämlich gründlich das fürchten gelernt dieses wochenende. ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn vor freude darüber, dass er wieder da ist, knuddeln, oder ihn aus wut doch lieber aus dem fell prügeln soll.

was passiert ist?

bevor ich morgen für 3 wochen nach sylt in die reha fahre, war der plan, das letzte wochenende gemeinsam mit mann, eltern, sohn+freundin, die frisch aus ungarn zurückgekehrt sind und dem lieben joschi im haus am see zu verbringen. mit tüten voller essen sind wir gestern bei bestem wetter am see angekommen und hatten einen prachtvollen tag mit segeln, schwimmen, in der sonne herumliegen und abends unmengen gegrilltes verdrücken und unmengen rotwein trinken genossen. joschi wuselte den ganzen tag über so mit.

wie ihr wisst, ist der kleine tibeter mit einer vielzahl von ängsten gespickt: stubenfliegen, umherfliegende plastiktüten und dies und das. zweifelsohne gehören auch schmale holzstege dazu, die aufs wasser hinausführen. nach unserem fulminanten abendmahl beschlossen wir, mit rotwein und kissen bewaffnet, auf den steg vor dem haus umzuziehen und den sonnenuntergang zu bewundern. gesagt, getan. nur joschi weigerte sich. sah uns mit gespitzen ohren hinterher und verschwand im haus. mein vater ging nach einer weile nach ihm schauen, joschi lag im bett, schaute ihn an und kommunizierte ihm unmissverständlich: steg ohne mich. so saßen wir also fröhlich lachend auf dem steg und freuten uns des lebens. nach etwa einer stunde ging ich ins haus, um etwas zu holen. kein joschi auf dem bett, im bad, auf dem sofa, kein joschi nirgendwo. joschi weg. nachdem ich alles abgesucht und sogar unter dem haus nachgeschaut hatte, war er immer noch weg. leise panik beschlich mich. ich lief schnell zum steg zurück und schlug alarm.

innerhalb von minuten raste rufend und pfeifend ein ganzer familien-suchtrupp durchs haus, schaute hinter alle möbel, leuchtete unter das bett, ging um das haus herum, nichts. kein joschi. die eine hälfte der familie brach in panik aus, die andere verbreitete zuversicht, dass er sicher gleich wieder auftaucht. 1 stunde war nun seit seit seinem verschwinden vergangen. immer wieder durchsuchten wir das kleine holzhaus, ich zog sogar die mobilen, schwarzen bettkästen ein stück unter dem bett hervor und schaute dahinter nach. nada. niente. nix joschi.

joschi haut nie ab. okay, ein-, zweimal, aber das war was anderes. einmal, als eine heiße hündin in der nachbarschaft war, und ein anderes mal ist er beim ausritt im wald verschütt gegangen, weil er die falsche abzweigung genommen hatte. aber einfach so abhauen? nö, nicht seine art. wir spekulierten herum. eine heiße hündin schlossen wir aus, da er sonst den tag über schon mal reagiert hätte, rüdig, wie er ist. vielmehr mutmaßten wir, dass er ein wenig spazieren gegangen ist und dabei irgendetwas schiefgelaufen sein musste: verirrt, entführt, überfahren. die panik wuchs, mittlerweile war es dunkel.

wir teilten uns auf und begannen, den campingplatz systematisch abzusuchen. wir fragten jeden, den wir sahen, ob er einen mittelgroßen, schwarzen, wuscheligen hund gesehen hatte. wir leuchteten in die büsche, schauten hinter zäunen. nichts. wie vom erdboden verschwunden. ein paar liebe nachbarn, ebenfalls hundebesitzer, schlossen sich uns an und machten sich mit taschenlampen bewaffnet auf die suche. aus allen ecken ertönte es:

„joooooooschiiiiii. pffffffft. jooooschiiii!!!!!“

es war zwischenzeitlich 1 uhr morgens. die stimmung war auf dem tiefpunkt angelangt. der hund blieb verschwunden. während meine eltern im haus blieben, setzten sich mein mann und ich nochmal ins auto und fuhren los. wir klapperten wiederholt alles ab, fuhren in den ort hinein und die straße im umkreis einiger kilometer ab. von joschi keine spur. niemand hatte ihn gehört oder gesehen. tief traurig, resigniert und todmüde beschlossen wir um halb 2 die suche abzubrechen, schlafen zu gehen und am nächsten morgen eine neue suchaktion zu starten. vielleicht hatte ihn ja jemand über nacht ins haus genommen.

wir parkten den wagen hinterm haus und stiegen mit hängenden schultern aus. „wuff“ kam es leise aus dem haus.

„wuff???????????“ wie jetzt „wuff?“

da ertönte es ein zweites mal aus dem haus: „wuff“ 

wir schauten uns fassungslos an und rannten los. auf der terrasse saßen meine völlig erledigten eltern und schauten uns mit einer mischung aus amüsierter erleichterung und erschöpfter wut an. neben ihnen saß joschi. saß da und wedelte uns verhalten an. und verschwand wieder im haus. sichtlich mit der last des schlechten gewissens beladen. was war passiert? wie und wo tauchte er wieder auf? wo war er gewesen?

wollt ihrs wirklich wissen?

joschi.war.gar.nicht.weg.gewesen. er war die ganze zeit über da. unterm bett. und hatte sich, still wie ein bettpisser, versteckt. einfach nur versteckt. 4 stunden lang lag er unbeweglich und mucksmäuschenstill unter dem bett, unter das wir mehrfach geleuchtet hatten. irgendwie scheint er dort einen toten winkel gefunden zu haben. lag da, machte kein pieps, vermutlich atmete er nur flach und versteckte sich. ignorierte 4 stunden lang unser rufen und pfeifen. ich schätze mal, er hatte einfach schiss, dass wir suchten, um ihn auf den verhassten steg zu schleppen. und ihn dort vermutlich nicht artgerecht zu foltern. während unserer letzten auto-such-tour ging mein vater ins haus, als er plötzlich ein sehr leises „wuff“ aus dem schlafzimmer hörte. vorsichtig ging er ins zimmer. unter dem bett schaute ein kleines stück hundepfote und ein stück hundeschnauze hervor. einfach so. „wuff“. dieses kleine hundearschloch. so ein drecksack. hinterhältiger, kleiner sausack.

die erleichterung, die wir spürten, könnt ihr euch sicher vorstellen, oder? ich kann es immer noch nicht fassen, dass er sich ganze vier stunden lang absolut perfekt vor uns versteckt hatte. und ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn herzen oder einfach aus dem fell hauen soll. manchmal denke ich, der joschi ist schon 10 und langsam wird er ruhiger und macht nicht mehr so viel unfug. denkste. joschi hat noch lange nicht fertig.

so, und jetzt kann ich morgen früh dann endgültig beruhigt in die reha fahren 😆

und hier noch ein bild von joschi heute morgen, immer noch sichtlich von schlechtem gewissen geplagt:

 

Kleine Katerwolf-Pause

hallo, ihr lieben. ihr habt es sicher schon gemerkt, dass ich mich in den letzten wochen sehr rar gemacht habe. ich habe furchtbar viel um die ohren: der job hält mich ganz schön auf trab, die familie auch, da mein sohn und freundin nach 2 jahren auslandsstudium wieder zuhause sind. und, wenn auch vorübergehend, zuhause wohnen. am 9. juli fahre ich in die reha und muss vorher ganz schön viel erledigen. und meine lieben tiere halten mich nicht minder in bewegung. uff.geht mir aber prima, keine angst, bin nur einfach zugepackt bis unter die achseln und schaffe es leider null zu bloggen. dabei hätte ich so viel zu erzählen. ich werde den laptop aber in die reha mitnehmen und euch in gewohnter weise mit klatsch und tratsch aus dem reha-leben belustigen. vielleicht melde ich mich noch vor dem 9. juli, falls nicht, wünsche ich euch bis dahin alles gute, habt viel spaß und freude und bis ba-ha-ld 😛

Glückspilz

ich bin ein glückspilz. nicht nur, dass meine dritte reha in meiner wunschklinik genehmigt wurde. ich darf, wie ich heute erfahren habe, auch noch mitten im sommer nach sylt. den ganzen juli *juhhuuuuuuuuu*

und wenn ich zurückkomme, fliege ich 4 tage später nach irland, wo ich mit meiner freundin einen wunderbaren wanderritt gebucht habe *juhuuuuuuuuu*

ich bin ein glückspilz. ich habs mir verdient 😆

Das zweite Leben

ich komme gerade von einem fotoworkshop in köln zurück. vermutlich denkt ihr: was macht die katerwolf denn da alles? hat die den turbo eingeschaltet? hab ich *grins*. ich habe einfach das unbändige gefühl dinge nachholen zu müssen. zeit , dieses kostbare gut, zu nutzen für all die dinge, die ich in diesem leben noch machen will. und das sind nicht gerade wenige. vielleicht ist das ein typisches verhalten von menschen, die ihr leben, aus welchen gründen auch immer, zunächst für verloren hielten und es dann wiederbekommen haben. das zweite leben. nach dem dahintuckern im 1. gang letztes jahr, kommt nach und nach immer mehr energie zum vorschein, die ich dankbar annehme und umsetze. und dafür hab ich jetzt mal kräftig hochgeschaltet. natürlich achte ich dabei penibel darauf, was mein inneres warnsystem sagt und wenn es biep biep zentrale an katerwolf einen gang runterschalten quäkt, wird brav einen gang runtergeschaltet.

als ich letztes jahr, unmittelbar nach meiner diagnose, damit anfing in mich hineinzuhorchen und mich zu fragen, ob es in meinem leben irgendetwas gibt, das mir aus diesem finsteren tal heraushelfen könnte, irgendeine orientierung, einfach irgendetwas, blickte ich für eine weile entsetzt und beunruhigt auf eine uferlose leere in mir. das war keine schöne, wenn auch wichtige erfahrung. denn genau diese leere zwang mich darüber nachzudenken, wie ich diese leere wieder füllen, wie mein weiteres leben ausstatten wollte. es war ein wenig so, als würde man ein neues haus beziehen und durch die leeren räume wandern und sich fragen: „was kommt hier für ein sofa rein, welches bett nehme ich und welche bilder hänge ich auf?“ nun ja, das haus blieb eine weile leer. sehr leer. zunächst erschreckte mich das, nach einer weile änderte sich mein blickwinkel aber und ich empfand diesen umstand als positiv, als chance. wann hat man schon mal die gelegenheit, seinem leben eine neue richtig zu geben, eingefahrene gleise zu verlassen, neue prioritäten zu setzen? in der regel meist erst dann, wenn einen ein schweres schicksal trifft. eine schwere krankheit. verlust eines geliebten menschen.

ich stellte fest, dass mein lebenshaus in den vergangenen 15 jahren zu einem völlig überfüllten sammelsurium von dingen geworden war, die mich kaum noch atmen ließen. und ich stellte ebenfalls fest, dass viele dieser dinge, die ich einst aus notwendigkeit übernommen hatte, mittlerweile überfällig geworden waren und nun verstaubt herumstanden und platz wegnahmen. sich für einen flohmarkt anboten 😉

es ist sehr schwer, sein leben neu zu ordnen. meist fehlt einem der mut, die zeit, die inspiration, alles. man hat angst, seine umgebung, deren festgefügtes rädchen man ist, vor den kopf zu stoßen. also rattert man weiter im großen uhrwerk. aber für nahezu jeden kommt mindestens einmal im leben die zeit, in der man spürt, dass das eigene rädchen sich nur mühsam dreht, knarzt und knirscht. und insgeheim fängt man an im stillen zu überlegen, wie man das ändern könnte, wie man da wieder rauskommt.

vielleicht ist das eine der ganz wenigen positiven sachen an schweren krankheiten. man traut sich aus so einer situation heraus vielmehr, sein leben anzupacken, auszumisten und neu einzurichten. es wird von außen viel eher akzeptiert und toleriert. und in der regel ist man auch viel eher bereit, widerstand in kauf zu nehmen und die angst vor konsequenzen zu verlieren. wenn nicht jetzt, wann dann?

vielleicht erinnert ihr euch daran, wie ich letztes jahr über diese leere in mir schrieb. ich widerum erinnere mich an die tollen kommentare, die ihr dazu hinterlassen habt. sie alle gingen in die richtung: genieß die leere! das habe ich dann gemacht. noch im juni, als ich auf sylt in der reha war, saß ich so manche stunde in meinem strandkorb und rief schüchtern in mich hinein:

„harge?“ (okay, der war für insider. wer das nicht versteht, der möge sich bitte dieses hier ansehen 😉 )

ich erinnere mich sehr gut an den moment, als zum ersten mal jemand antwortete. ich bin regelrecht erschrocken. denn wer mir da antwortete, war niemand anderes als ich selbst. offenbar hatte ich jahre lang still einer ecke gesessen und mich nicht getraut zu sagen, dass ich da bin. so kanns gehen. in diesem augenblick aber stand ich auf und trat schüchtern aus dem schatten heraus. und wurde überrascht und überglücklich begrüßt. es war auch das einzige mal in meinem leben, dass ich mich völlig ernst und laut mit mir selbst unterhielt. ich saß im strandkorb, über dem meer ging die sonne unter und ich hielt mit mir selbst einen plausch wie mit der besten freundin, die man seit jahren nicht mehr gesehen hat. das war ein moment.

danach füllte sich der leere raum in mir nach und nach. als erstes hängte ich eine hängematte hinein. und in dieser baumelte ich und blinzelte dem neuen leben entgegen. danach füllte sich der raum nach und nach mit neuem und altem. ich weiß, dass als nächstes 3 alte leidenschaften hinzukamen: schreiben, reiten und fotografieren. wie die drei musketiere tauchten sie auf, schwenkten ihren hut und riefen: „madame, zu diensten!“

erst gestern, als ich lange, viel zu lange im zug saß (ich.hasse.die.deutsche.bahn), dachte ich darüber nach, dass ich mir drei beschäftigungen ausgesucht habe, die mir früher, zum teil sogar sehr viel früher zu einem zeitpunkt meines lebens, geholfen und freude geschenkt haben. vielleicht ist das so, dass man sich instinktiv daran orientiert, was einen irgendwann einmal glücklich gemacht hat. man begibt sich innerlich zurück an einen ort des glücks und findet so wieder die alte quelle wieder, die in einem sprudelt.

man, man, man, eigentlich wollte ich euch von dem fotoworkshop berichten, den ich gestern in köln gemacht habe. und jetzt habe ich über etwas ganz anderes geschrieben. der text floss einfach so aus mir raus. das musste wohl sein. und das mit dem fotoworkshop, ach, das kommt dann eben ein anderes mal.

habt einen schönen sonntag, eure katerwolf

Lampenfieber

ich werde gleich an einem reitworkshop teilnehmen und bin schon DODAAAL aufgeregt 🙄

wie ihr wisst, bin ich eine reit-wiedereinsteigerin. als langjährige, sehr aktive und sogar erfolgreiche reiterin habe ich diesen sport anfang 20 aus zeitmangel und interessenverlagerung (studieren und die kuh fliegen lassen in berlin) aufgegeben und seitdem, von ein paar wenigen urlaubsreiterlebnissen abgesehen, ruhen lassen. wie es mit alten leidenschaften aber so ist, besinnt man sich später ganz gerne auf diese. vor allem in situationen, in denen das leben wegen krankheit oder sonstigen schweren lebenskrisen plötzlich und unerwartet völlig aus den fugen gerät. dann sitzt man schweren herzens da und fragt sich händeringend:

„gibt es irgendetwas, das meinem leben wieder regenbogenfarben verleiht statt des tristen graus?“

und in ermangelung einer idee blickt man mental über die schulter in die vergangenheit und schickt eine frage dorthin:

gab es da mal etwas, vielleicht früher?“

in meinem fall passierte dies im januar vergangenen jahres, als ich mit der diagnose brustkrebs konfrontiert wurde und mein leben an diesem punkt plötzlich und unerwartet aus den fugen geriet. ich kramte mit bangem herzen in meiner fest verschlossenen erinnerungskiste, nachdem ich nach längerem suchen den schlüssel fand, den ich offensichtlich und längere zeit verlegt hatte und fand dort tatsächlich ein paar dinge, die mich anlachten und sagten:

„hey, schön, dass du mal wieder nach uns siehst. wir sind immer noch da und warten auf dich. lass uns spaß haben!“

eine davon war das reiten. im juni des gleichen jahres bot sich mir während meiner reha auf sylt die gelegenheit auszuprobieren, ob dieser wunsch wunschdenken bleiben oder realität werden sollte. nach 5 minuten auf dem pferderücken stand fest: das.ist.es. das glücksgefühl, das mich damals durchströmte, ist mir immer noch lieb im bewusstsein. unmittelbar nach meiner reha, im juli, machte ich mich in der umgebung auf die suche nach einer reitbeteiligung. das schicksal war der meinung, dass es genau der richtige zeitpunkt dafür war und schickte mir bereits nach ein paar tagen lola, eine erfahrene, charakterstarke, lustige und gut gelaunte, temperamentvolle stute. seitdem reite ich lola 2-3x die woche mit großer freude im gelände und neuerdings, wetterbedingt, überwiegend in der halle.

mit dem reiten ist es wie mit dem fahrradfahren, so richtig verlernen tut man es nicht. versucht man sich aber nach über 20 jahren pause wieder als dressurreiterin, merkt man doch, dass man vieles vergessen hat. aus diesem grund habe ich mich heute zu einem reitworkshop angemeldet und bin DODAAL aufgeregt. meine 1. reitstunde seit 20 jahren. ich fühle mich wie 12. habe muffe, dass ich mich a. blamiere, b. alles falsch mache und c. konditionsmäßig schlapp mache. ich glaube, das nennt man lampenfieber. jesses neee, bin ich aufgeregt. so, und jetzt ist es 12 und ich muss los, halali!

Brustkrebstagebuch: Langsame Rückkehr in die Normalität

es ist jetzt tatsächlich schon 9 monate her, seit meinem persönlichen tag X. als ich den knoten in meiner brust gefunden habe. in diesen 9 monaten ist unglaublich viel passiert. manchmal kommt es mir so vor, als läge zwischen dem 5. januar und jetzt mehr als ein leben, vielmehr 5 bis 10. der anfängliche horror steht mir immer noch vor augen, dies und die nackte angst. verzweiflung, trauer und das gefühl von irgendjemandem abgrundtief beschissen worden zu sein. und das völlig ungerechtigterweise. warum ich? mit all diesen gefühlen kam aber auch eine unbändige hoffnung, überlebenswille und blanke lust aufs leben. jetzt erst recht.  es ist für jemanden, der dem tod noch nie so gegenüber gestanden hat, schwer nachvollzuziehen. auch aus diesem grund schreibe ich diesen blog. es ist unter anderem der versuch ein thema offenzulegen, das man im normalfall meidet. 

als betroffene will man nicht gemieden werden, nur weil man plötzlich brustkrebs hat und genauso plötzlich das gefühl hat, auf die andere seite gestoßen worden zu sein. hier stehe ich, da drüben stehen die anderen. mitgefühl? ja, gerne. Mitleid? nein, bitte nicht. ich habe in den letzten monaten erlebt, wie schwer es sein kann, mit jemandem umzugehen, der von jetzt auf sofort vermeintlich todkrank ist. so schwer, dass es manche einfach ganz sein lassen. in meinem fall waren es gott-sei-dank nur ein paar ganz wenige. ich habe im gegenzug so viel beistand bekommen, dass ich immer noch voller dankbarkeit und auch demut bin. meiner familie gegenüber, freunden, kollegen, menschen, die ich kaum kannte und die in dieser zeit stärke bewiesen haben. euch gegenüber.

so viel ist passiert. ich bin monatelang achterbahn gefahren, immer abwechselnd in die hölle, dann hoch in den himmel, undsoweiterundsofort. nur normalität war nicht. eher ein permanenter ausnahmezustand. ich habe mein leben ordentlich umgekrempelt. angeschaut, ausgeleuchtet, ausgemistet. leer gelassen und dann wieder begonnen, es zu füllen. es gab eine lange zeit, in der war in mir einfach nur ein großer, leerer raum. das war so im juni rum, als ich in die reha fuhr. die reha auf sylt war für mich eine art schlüsselerlebnis und wendepunkt zum guten. wer mag, kann sich meine mitunter sehr munteren berichte aus der reha 😆 in meinem blog anschauen (unter der kategorie brustkrebs). in diesen wunderbaren 3 wochen habe ich für mich herausgefunden, dass noch nicht aller tage abend ist. ich habe großartige menschen kennengelernt, vor denen ich heute noch meinen hut ziehe. ich habe enorme körperliche fitness gewonnen. und geistige stärke. ich habe so viel und herzlich gelacht, wie seit anfang des jahres nicht mehr. ich habe mich wieder aufs pferd gesetzt. ich habe beschlossen, meinem leben eine andere richtung zu geben. ich habe mich entschieden, mit dem hadern aufzuhören, sondern das leben mit beiden händen anzupacken und es auszuschöpfen. jeden tag so zu leben, als hätte ich nicht mehr viele. das kostet unterm schnitt ganz schön viel kraft. ich habe mich aber lange zeit nicht getraut auszuruhen, einfach aus der inneren angst heraus, etwas zu verpassen. von meinem leben, das möglicherweise nicht mehr lange dauert. und dann war da diese irrationale angst, dass er mich kriegt, der tod, wenn ich eine pause mache und anhalte.

langsam kehrt ruhe ein. ich kann mich tatsächlich wieder ausruhen. ohne panik. ich denke nicht mehr den ganzen tag daran, dass ich brustkrebs habe. daran, was ist, wenn ich nun DOCH bald schon sterben muss. ich habe viele monate in dem bewusstsein gelebt, meine wahrnehmung auf meine erkrankung konzentrieren zu müssen. es ist schwer zu beschreiben, aber ich versuche es. stellt euch vor, es gibt da etwas, das für euch lebensnotwendig ist. nehmen wir einen zauberstein. und ihr wisst, dass ihr diesen zauberstein nicht eine sekunde aus den augen verlieren dürft. wenn ihr das tut, auch nur für den bruchteil einer sekunde, müsst ihr sterben. das beschreibt es ganz gut. ich dachte, wenn ich auch nur für einen augenblick wegschaue, entwischt es mir und bringt mich um. das ist jetzt nicht mehr so.  mein blickwinkel hat sich geändert. ich schaue wieder nach vorne. ich traue mich wieder, in meine zukunft zu schauen, mache pläne und freue mich darauf. das ist ein echtes wunder, dass man nach einer solchen diagnose nicht nur weiterlebt, sondern den mut findet, sein leben wieder zu lieben und an sein überleben zu glauben.

dieser glaube ans überleben ist vielleicht das schwerste überhaupt an der ganzen sache. irgendwie weiß man ja, dass man irgendwann sterben muss. das weiß jeder. egal ob er krank ist oder nicht. irgendwann ist zappe. der unterschied ist der, dass, wenn man gesund ist, der tod im normalfall unsichtbar ist. er ist zwar allgegenwärtig aber unsichtbar. so lässt er sich perfekt verdrängen. wenn man so eine diagnose bekommt, wird er sichtbar. als würde jemand ein licht anknipsen und ein spotlight auf ihn richten. mit einem mal steht gevatter tod dauernd irgendwo in der ecke. und wartet. das ist ein gewaltiger schock, wenn so etwas passiert. als ich mir dessen bewusst wurde, habe ich begonnen, regelmäßig einen psychoonkologen aufzusuchen, der mir dabei helfen sollte, die angst vor dem tod zu verarbeiten. ich kann das jedem, der in eine solche situation gerät, nur empfehlen. wir haben uns den tod und meine angst vor ihm gemeinsam angeschaut, ganz gründlich. immer wieder. und er verlor viel von seinem schrecken. auch jetzt geht er immer neben mir einher. und dennoch habe ich nicht mehr diese angst vor ihm, ich habe mich entschieden, ihn zu akzeptieren, ihn anzunehmen. ich denke, letztendlich läuft der tod immer neben einem her. mit dem unterschied, dass ihn manche sehen und andere nicht. es sind besondere ereignisse, die ihn sichtbar machen. und es sind vielleicht die gleichen ereignisse, die die angst vor dem tod kleiner werden lassen. und die tatsache, dass er neben einem geht heißt ja noch lange nicht, dass er einen jeden moment holen muss. er kann ja auch ein guter, lebenslanger weggefährter werden.

in der letzten zeit habe ich das gefühl, dass tatsächlich wieder so etwas wie normalität in mein leben einkehrt. das war vor einigen monaten noch unvorstellbar. und doch ist es so. ich fange an, mich zu entspannen. ohne angst. natürlich bin ich sehr wachsam und meine sinne sind sehr geschärft und in alarmbereitsschaft. aber dennoch, ich fange an, mich zu entspannen. und ich bin sehr, sehr glücklich. und dankbar. weil ich lebe. und ich hoffe, dass ich noch viele, viele jahre das vergnügen haben werde. denn das leben ist unglaublich schön.