3 Wochen Indien: Auf den Leib geschneidert

wo war ich stehen geblieben? richtig, in udaipur. udaipur, die weiße stadt. die wunderschöne, weiße stadt.

es ist erstaunlich, dass man in indien immer wieder in städte kommt, die so viel sauberer und ruhiger sind als der rest. auf unserer reise war das eindeutig udaipur. vielleicht liegt es auch an dem vielen weiß, das in der stadt vorherrscht. udaipur kommt vergleichsweise modern daher. man sieht viele, teure markengeschäfte und teure autos auf den straßen und auch noble wohngegenden.

in udaipur durften wir auch einen langen blick auf das weltberühmte „schwimmende“ hotel oberoi werfen. spielplatz vieler, berühmter filme, ich meine, auch ein james bond wurde dort gedreht. wie eine weiße perle liegt es mitten im schimmernden see.

wir besichtigten einen erstaunlich gut im schuss befindlichen, prachtvollen stadtpalast. kein wunder, dass er so gut gepflegt ist, schließlich wohnt der maharadscha dauerhaft darin. die 2 prächtigen marwarpferde auf dem foto sind das zeichen, dass er gerade anwesend ist,

seht ihr auch den blauen himmel auf diesem foto? *seufz*

wir schlenderten, wie immer überwältigt ob der ganzen schönheit, durch den palast und kamen aus dem staunen gar nicht mehr heraus. schließlich ist udaipur die stadt mit der berühmtesten malschule für miniaturmalerei in indien. früher wohnten die künstler als hofmaler fest im palast. später wurden sie vom maharadscha in ein ebenfalls herrschaftliches gebäude in der stadt umquartiert. auch dort waren wir, aber dazu später. zunächst möchte ich euch noch eins meiner lieblingsfotos zeigen, weil es so viel von der indischen mentalität offenbart: offen, wissbegierig, verspielt, fröhlich, humorvoll, herzlich und sehr, sehr charmant. das foto zeigt eine gruppe junger männer, die sich unserer führung angeschlossen hatten und uns mit ihrer fröhlichkeit immer wieder ablenkten.

udaipur ist auch eine stadt, in der man aufs vortrefflichste einkaufen kann. wir hatten gewissermaßen alle druck diesbezüglich. bislang war kaum zeit, ausführlich zu bummeln und zu shoppen. als sohan uns zunächst in ein textilgeschäft mit hauseigenem schneider und anschließend in die schule für miniaturmalerei geleitete, verfielen teile unserer gruppe in einen ekstatischen shoppingrausch. indien ist das land der schönsten stoffe, die man sich denken kann.

stoff aussuchen, maß nehmen, schneidern lassen: in indien eine angelegenheit von nur ein paar stunden. nachmittags bestellt, wurden uns die wunderschönen sachen schon am abend ins hotel geliefert. wir probierten alles an und liefen umher wie könige und königinnen. kaufrausch teil 2 erfolgte in der miniatur-malschule. es wäre ein leichtes gewesen, ganze laster mit miniaturmalereien mitzunehmen. zum glück sind diese kostbaren kunstwerke auch in indien teuer.

man könnte meinen, das reicht für einen tag. aber nein doch. mitnichten 😉 es erstaunte mich die ganze reise über wie viel schönes und erfreuliches man an einem einzigen tag bewältigen kann. so setzten wir nach dem abendessen noch einen lang gehegten, von mir infiltrierten, plan in die tat um: bollywoodkino. von anbeginn schmachtete ich die allgegenwärtigen kinoplakate des neuen shah rukh khan films ra-one an. damit stand ich aber nicht alleine da 😆 so war die gruppe derer, die am abend ins kino mitkamen, größer als erwartet. lustigerweise wollte auch unsere busfahrer mit, so dass wir bequem mit dem bus ins kino fuhren. das kino, super modern und großzügig, lag in der obersten etage eines shopping centers. allein das shopping center war ein einmaliges erlebnis. es gab nur wenige geschäfte, dafür umso mehr menschen, die in horden durch das gebäude liefen und sich ihres lebens freuten. es sah fast so aus, als wäre es eine art volksbelustigung, ins shopping center zu gehen und rolltreppe zu fahren. rauf und runter. köstlich! ra-one lief an dem abend leider nicht, und so einigten wir uns auf den brandneuen bollywood-kassenschlager rockstar. in hindi. ohne untertitel. zum brüllen. wir saßen im kino, starrten gebannt auf eine riesige leinwand, auf der getanzt, gesungen, geliebt und gelitten wurde und verstanden kein wort. erstaunlicherweise konnten wir alle der handlung folgen. bollywoodfilme dauern in der regel mehrere stunden. da es schon spät war, blies sohan gegen halb 12 zum aufbruch und wir verließen schweren herzens das kino. mit dem festen entschluss, noch auf dieser reise das versäumte nachzuholen. noch immer berauscht von dem erlebnis gingen wir richtung bus, als uns auffiel, dass der busfahrer fehlte. weg. einfach weg, der gute mukesh. sohan versuchte ihn auf dem handy zu erreichen. vergebens. es verging etwa 1/2 stunde, bis er ihn  erreichte und mukesh aus dem kinosaal kam. und was war? mukesh war im film eingeschlafen. als sein handy ihn weckte, war er völlig verwirrt, dass wir alle weg waren. wir trösteten ihn, dass er den film verpasst hatte, worauf er uns nur breit angrinste. er wollte den film gar nicht sehen, er wollte nur mit ins kino, weil die kinosessel so bequem sind und er darin schlafen wollte 😆

3 Wochen Indien: Im Vomex-Rausch

am nächsten morgen ging es gleich in der früh weiter nach udaipur. mir war immer noch schlecht. schien ein dauerzustand zu werden. allen anderen ging es wieder gut. so kam es, dass ich dankbar den vorschlag eines mitreisenden annahm, vomex zu schlucken. 2 stück. und so kam es auch, dass ich nun weiß, dass ich entweder kein vomex vertrage oder 2 zu viel waren. keine ahnung. jedenfalls merkte ich nach ca. 1/2 stunde, dass es mir seltsam wurde. sehr seltsam. mir war schwindlig und ich fühlte mich merkwürdig körperlos. regelrecht unsichtbar. als wäre die verbindung zwischen körper und kopf getrennt. ich fiel in eine art bewegungsstarre. während um mich herum alle dachten, dass ich friedlich schlafe, kämpfte ich tapfer ums überleben. jawoll. ich weiß noch, dass ich eine schier endlose zeit einfach dasaß und mich darauf konzentrierte, weiterzuatmen. und mich reinzusteigern, an einer atemlähmung zu versterben. irgendwann machte ich die augen auf und tat kund, wie es mir ging. super, keiner glaubte mir. mittlerweile war ich wieder soweit, dass ich glaubte, doch zu überleben und fühlte mich einfach nur noch bedröhnt.

den rest des tages verbrachte ich leicht debil und glücklich. und als wir bei einem zwischenstopp diverse festungen und tempel besichtigten, schwebte ich heiter umher und band mir einen bunten turban um den kopf. mit der konsequenz, dass mich überall ein tross mächtig zufriedener inder begleitete. derart tiefenentspannt traute ich mich, die 3 sätze, die mir sohan, unsere reiseleiter während diverser busstunden beigebracht hatte, zum besten zu geben: „ap kesi hai?“ fragte ich eine gruppe giggelnder teenie-mädels. „wie geht es ihnen?“ fassungsloses staunen. dann große freude. ich erzählte noch, dass es mir gut geht und dass ich aus deutschland komme. fragte nach den namen, der rapide wachsenden gruppe und stellte mich selbst vor. damit hatte es eine besondere bewandnis. es gibt nämlich aktuell eine super berühmte bollywoodschauspielerin, die den gleichen vornamen hat wie ich. was in indien eine seltenheit ist. fortan hieß ich also wie sie. was zur ungemeinen begeisterung allerorts führte. in indien ist es so, dass menschen in der lage sind, problemlos ihre begeisterung und freude zu zeigen. das ist wunderbar. so wurde mein hindi-bemühen entsprechend belohnt. mit johlen, pfeifen, händeschütteln, standing ovations. hach, was war das schön. ich möchte das hier auch: standing ovations und begeisterungsstürme, wenn ich etwas gut gemacht habe.

mein fanclub:

ich habe euch noch gar nicht erzählt, dass ich sehr sprachbegabt bin. bin ich nämlich. ich lerne sehr schnell fremde sprachen. so bat ich unseren reiseleiter sohan von anfang an, mir etwas hindi beizubringen. für sohan war ich fortan das sprachwunder auf 2 beinen. ich machte rasch fortschritte und sohan präsentieret mich allerorts wie einen zirkuselefanten. wenn wir zum beispiel ein geschäft betraten, bat er mich, meine gelernten sätze zum besten zu geben. in kürze war ich in der lage, einen souveränen basic-smalltalk durchzuführen. eine besondere überraschung war der satz: „apki muchhe bahut pyari hai“. was soviel heißt, wie: „sie haben einen sehr schönen schnurrbart“. viele rajasthani sind stolz auf ihre beachtlichen schnurrbärte. mit diesem satz stahl ich mich in so manches rajasthani-herz.  in der hindi-sprache reicht es aber auch, nur einen einzelnen buchstaben falsch zu betonen, und schon hat der satz eine neue bedeutung. zur unermesslichen freude zweier herren und sohan blamierte ich mich einmal mit: „ich habe einen sehr schönen schnurrbart.“ und einmal mit „sie haben aber einen besonders schweren schnurrbart.“ am ende der 3 wochen plapperte ich munter drauflos und wäre ich noch ein paar wochen geblieben, hätte ich wohl wirklich recht gut hindi gelernt. diese ganze sprachgeschichte knüpfte ein band der sympathie zwischen sohan und mir und wir wurden richtig gute freunde.

so sieht übrigens ein besonders schöner rajasthani-schnurrbart aus:

und mit diesem herren hat es eine finstere geschichte auf sich. sein vater hatte einen noch längeren. den längsten. 😉 und mit dem war er im guiness buch der rekorde. stolz zeigte er seinen schnurrbart herum, rollte ihn gegen eine spende ganz auf und hatte so ein ganz gutes auskommen. eines tages fand man ihn. das heißt: seinen rumpf. jemand hatte seinen kopf samt schnurrbart abgesäbelt und mitgenommen. gruselig, oder?

mein vomex-rausch hatte überdies den vorteil, dass ich die restlichen stunden der busfahrt zufrieden vor mich hingrinsend das straßengeschehen um uns herum betrachtete und fotografierte. indiens straßen sind nämlich eine geschichte für sich. ihr glaubt nicht, mit wem oder was man sich so die straße teilt. folgende schnappschüsse habe ich durch die frontscheibe des busfensters geknipst:

am späten nachmittag erreichten wir udaipur, die weiße stadt. oder besser noch: der traum in weiß. aber dazu morgen mehr.

3 Wochen Indien: Warum nicht?!

noch immer etwas tiger-gefrustet starteten wir am nächsten morgen nach bundi. das ist, grobe richtung, weiter westlich. von agra, unserer ersten etappe aus bewegten wir uns zunächst immer in südwestlicher richtung, dann langsam hoch, richtung norden und wieder gen osten, zurück nach delhi. wir haben also in etwa einen kreis beschrieben. ich weiß jetzt, warum es rundreise durch rajasthan heißt *schlau guck*.

mein magen war noch immer völlig durcheinander und ich frühstückte vorsichtig 1 scheibe toast mit gummibärchenmarmelade. leider muss ich sagen, dass dieser zustand noch etwa 1 woche anhielt und ich mich ausschließlich von toast mit butter, papaya und bananen ernährte. und von sohans wunderwaffe fresh lime soda. das ist sodawasser mit frisch ausgepresster lemone. es gab phasen, in denen sich der ganze bus davon ernährte. ich hab in den 3 wochen so viel davon getrunken, dass ich es die nächsten 5 jahre  nicht mehr brauche.

vor uns lag eine recht lange busfahrt, etwa 6 stunden. sohan war ein meister darin, uns während langer busfahrten mit geschichten über indische götter und moghul-love-storys bei laune zu halten. außerdem fungierte er zunehmend auch als philosoph und gruppentherapeut, der uns mit seinen pragmatischen weisheiten über so manchen kulturkonflikt hinwegschiffte. es gibt dinge, die ich tief in mir gespeichert habe und hoffentlich noch lange nicht vergessen werde.

so beantwortete er durchweg alle anfragen nach wasser und cola im bus sowie alle anfragen und bitten, die einen normalbürger zu genervten antworten motivieren würden, mit einem unvergleichlichen, von einer typischen handbewegung begleiteten:

„warum nicht?!“ 

absolut geniale antwort für (fast) alle lebenslagen.

beliebt waren auch seine kommentare zur farbe rosa. und all ihren variationen. denn in indien, so sohan, ist die farbe rosa die farbe für die romantische zeit, wie er es nannte. liebe machen=romantische zeit. ist das nicht wunderbar? hatte ich noch nie zuvor gehört. sobald einer aus der gruppe in dieser farbe erschien, zog sohan schmunzelnd die brauen hoch und alle wussten bescheid. eine quelle stetiger freude war das. unsere gruppe wuchs indes zu einer art familie zusammen. wir verstanden uns hervorragend. alle. okay, es gab ein paar, die sich jetzt nicht sooooo gut verstanden, aber es war ausgesprochen unkompliziert und man konnte sich auch mal aus dem weg gehen. völlig gruppentypisch entwickelte der eine oder andere eine rollenfunktion. so gab es einen überaus lustigen mitreisenden, der uns mit seinen schlagfertigen jokes stets zum lachen brachte. kommentar, nachdem er seine knapp 2 meter kunstfertig auf seinem bussitz verknotete: „wunderbar. ich sitze jetzt perfekt. hat zufällig jemand eine künstliche titanhüfte dabei?“ es gab eine teilnehmerin, auf die man immer und überall warten musste und die sich die ganze reise über von papayas zu ernähren schien. und einen besonders wissbegierigen mitreisenden. sohan sagte während der reise gefühlte 5000 mal: „hans hat eine interessante frage gestellt. sie ist für die ganze gruppe interessant.“ das wurde mit der zeit zum running gag und inspirierte uns zu albernen kommentaren und giggelattacken.

zurück zur fahrt. wir fuhren etwa 2 stunden über eine erstaunlich gut ausgebaute schnellstraße, in rajasthan eher eine seltenheit, und als wir uns fast daran gewöhnten, dass es schlaglochbedingt nicht alle 100 meter bumm bumm machte, verließen wir diese straße und fuhren mitten in die walachei. in unserer reisebeschreibung stand; nun verlassen wir die gewohnten, touristischen wege und fahren durch wenig befahrene, reizvolle abschnitte rajasthans. die straße war eine katastrophe. die landschaft aber war tatsächlich reizvoll. wir trafen mehr kamele als autos auf der straße. nach einer weile hielt der bus an der straße. das kannten wir schon. es stand wieder eine von sohans spontanen, überfallartigen familienbesuchen an. diesmal bei einer familie der bhil-kaste. auf der fahrt hatte uns sohan sehr viel interessantes über das indische kastensystem erzählt, und wir wussten, dass die bhil ursprünglich die diebes-kaste war, gesellschaftlich sehr weit unten angesiedelt. nun aber durch verschiedene staatliche programme aufgewertet und integriert. das ist eine minimalistische beschreibung der angelegenheit, das kastensystem zu erläutern, führt hier zu weit. ich sag nur: wikipedia. sohan hatte eine eigene interpretation der bhil-kaste auf lager: „früher liefen die bhil nackt herum, waren wild und töteten tiere. jetzt sind sie so wie wir.“ typisch sohan. die familie, die wir nun ganz spontan überfielen, war ziemlich baff. sie sehen, wenn überhaupt, nur ganz selten ausländer. sie waren aber, wie alle anderen auch, überaus freundlich und interessiert. man stelle sich einmal folgende situation vor, irgendwo in deutschland: eine indische reisegruppe klingelt spontan an einer fremden haustür und möchte gerne die landessitten kennenlernen. wie würde der durchschnittsdeutsche wohl reagieren? na?

nachdem ich den beiden frauen dieses foto auf dem kameradisplay zeigte, war die tochter des hauses völlig foto-motiviert und ließ sich mit allen hoftieren fotografieren. das war ein riesenspaß. ich habe versprochen, die fotos zu schicken.

nach dieser willkommenen pause ging unsere fahrt weiter, es gab viel über diese begegnung zu reden und am späten nachmittag erreichten wir bundi. bundi hat charme. etwas morbides haftet dieser stadt an.

bundi scheint auch eine klassische rucksackreisende-station zu sein. so eine, wo man eine weile hängenbleiben kann. es erinnerte mich stark an meine eigene rucksackreisende-zeit, vor gefühlten 100 jahren 😉

romantische zeit *grins*

der palast in bundi ist fantastisch. und der stinkendste, in dem ich je war. das kommt von den etwa 5 millionen fledermäusen, die in ihm wohnen. der gestank war so bestialisch, dass ich fast in die ecke kübeln musste. tapfer schleppte ich mich durch den palast und bestaunte die unglaublich schönen wandmalereien.

am ende eines langen, ereignisreichen tages freuten wir uns an unserem besonders schönen hotel, wieder ein umgebauter stadtpalast. die gruppe marschierte mit sohan noch einmal zu einem abendlichen basar-spaziergang, ich blieb mit meinem revoltierenden magen und einer großen papaya im hotelgarten.

3 Wochen Indien: Geselliges Kacken und unsichtbare Tiger

man möge mir diese überschrift verzeihen, aber so ist das nun mal im leben, man kommt in die absonderlichsten situationen. wie gestern berichtet, ereilte mich am abend ein jahrhundertdurchfall inklusive brechattacken. eklig, ich weiß, aber auch so ist das leben nun mal. blöderweise ereilte es mich, nachdem der rest der reisegruppe schon damit durch war. und nicht, wie ich, einer mehrstündigen busfahrt ins auge blicken musste. so kam es, dass ich um 8 uhr morgens im bus saß und nur eine frage in meinem hirn kreiste: „werde ich es schaffen, mir nicht in die hose zu kacken?“ ich setzte mich auf den platz ganz vorne neben der bustür, um im notfall schnell draußen zu sein, biss mir auf die zähne und sah missgünstig in die mittlerweile wieder entspannten gesichter meiner mitreisenden. neben zahlreichen anderen, wunderbaren eigenschaften verfügte sohan, unser reiseleiter, über die gabe, ohne großen federlesens zu verstehen, was sache war. so auch in diesem fall. als ich ihm unmittelbar, nachdem wir die stadt verlassen hatten und den bus über eher verkehrsarmes, offenes land fuhren signalisierte, dass ich raus musste, reagierte er perfekt: „sofort?“ ich: „ja.“ kurzes signal an den busfahrer und brrrrems am straßenrand.

ich stürzte heraus und raste am straßenrand entlang, bis ich eine lücke im zaun fand und sprang hinter die erstbeste, niedrige hecke. gerettet! während ich nun erleichtert tat, was ich tun musste, hörte ich in der ferne musik. bollywoodmusik. und ein tuckern. etwa so: „tucker tucker. ajawalaahuachumchumdideldum. tucker tucker.“ bollywood und tuckern kamen näher und wurden lauter. noch näher, noch lauter. und dann, als die geräuschquelle unmittelbar auf meiner höhe war, blieb sie sehen. hm. ich blickte den kleinen abhang hoch und erblickte etwas, das ich nicht für möglich hielt: einen indischen traktor. bunt angemalt, mit allerlei götterbildern und segenssprüchen. über und über mit bunten wimpeln behängt. mit geschätzten 25 insassen, die auf, in und am traktor saßen, hingen, was auch immer. aus einem lautsprecher jodelte in voller lautstärke bollywoodmusik. das hier beschriebene stellt eine typisch indische szene dar. jeder, der schon mal in indien war, kennt das. das besondere an dieser situation war nur, dass ich hinter einer hocke saß und nicht aufhören konnte zu kacken und der traktor direkt über mir stand und alle insassen begeistert und fröhlich auf mich herabblickten, lachten und ununterbrochen hello! hello! riefen. oh. mein.gott. was macht man in solch einer situation? ich tat das, was mir spontan einfiel. ich entspannte mich. ich war in indien, andere länder, andere sitten. so brachte ich zu ende, was ich zu ende bringen musste, winkte währenddessen ein paarmal hoch und rief hello! und als ich fertig war, legte ich die hände vor meiner brust zum indischen gruß namaste! zusammen, verließ unter lautem beifallsgeklatsche und gejohle den schauplatz und ging zum bus zurück. wie john wayne in seinen besten jahren.

indien. so etwas kann einem in indien durchaus passieren.

der rest der fahrt verlief zum glück ereignislos. unser tagesziel war der tigernationalpark ranthambore. in diesem reservat leben etwa 35 tiger. kurz vor der reise hatten wir darüber eine fernsehdoku gesehen und waren mächtig gespannt, ob wir einen tiger sehen würden. unsere gruppe war in optimisten und pessimisten gespalten. erstere hoffte auf eine tigersichtung, letztere war skeptisch. maria, eine mitreisende, die zeit ihres lebens im betrugsdezernat gearbeitet hatte, brachte es auf den punkt: „ich hätte eine frage: hat überhaupt schon mal jemand einen tiger dort gesehen?“ hihi, köstlich, da sprach die langjährige erfahrung mit betrügern aus der frau. alle grinsten sich einen. in ranthambore angekommen, checkten wir kurz im hotel ein und schon wartete der safarijeep auf uns. alle waren mächtig aufgeregt und hatten tigerfantasien.

ich mach es jetzt mal kurz: wir haben keinen tiger gesehen. auch am nächsten morgen haben wir keinen tiger gesehen. wir saßen gefrustet im jeep und lauschten leicht genervt den erläuterungen des rangers, der in recht unverständlichem englisch dozierte: parrrrrrot. manki. dirrrrr.“ was auch immer das war. wollte keiner so recht wissen. alles starrte angestrengt ins dickicht auf der suche nach streifen. in den zahlreichen jeeps, die uns begegneten, saßen ebenfalls gefrustete touris aller nationalitäten. den gesichtern nach zu urteilen, hatte keiner einen tiger gesehen. „mir reichts. ich will jetzt zu McDonalds!“ tönte es aus einem jeep, der uns überholte.

wenn wir am ende der reise nicht eine gruppe getroffen hätten, die einen tiger gesehen hat, hätten wir wohl alle die meinung marias geteilt und an eine große, indische tigerverschwörung geglaubt. die reisegruppe aus dem südwesten, die allesamt nicht aus der lustigen kaste stammten, hatte den tiger volle 30 minuten lang gesehen. sie zeigten uns schadenfroh ihre fotos. man konnte einen munteren, riesigen tiger sehen, der herumlief, lag und irgendwelche antilopenbeine durch die gegend schleppte. ein wunder, dass er keinen kopfstand machte. keiner aus unserer gruppe hat es den südwestlern gegönnt. keiner.

der ranthambore-nationalpark ist aber auch tigerlos ein wunderschönes stückchen erde und wir haben immerhin ein paar affen und hirsche und vögel gesehen.

 

 

3 Wochen in Indien: Zu Besuch bei der schwarzen Göttin

schrieb ich in meinem letzten post, dass der tag mit einer großen überraschung endete? nun ja, der nächste begann mit einer solchen. und zwar, als beim frühstück nur etwa 5 (von 18) mitreisenden erschienen. der rest lag halbtot mit durchfall und erbrechen im bett. mein lieber mann hatte mich bereits nachts auf trab gehalten, als er würgend und elend mindestens 20 x aufs klo raste. und wir hatten in diesem wunderbaren palasthotel das glück gehabt, eine suite zu ergattern, in der sich das bad am langen ende einer zimmerflucht befand. das kann in solchen situationen ganz schön weit sein.

es sah so aus, dass sich fast die ganze gruppe am vortag eine lebensmittelvergiftung zugezogen hatte. nun ist es aber so, dass man in indien einfach zu 98 % damit rechen muss, durchfall und magenprobleme zu bekommen. das gehört zu einer indienreise dazu und man muss es mit einkalkulieren. geht ja auch wieder vorbei! ich hatte wundersamerweise nichts. man kann ja auch mal glück haben. außerdem war an dem tag mein geburtstag!

auf dem tagesprogramm standen der besuch des stadtpalstes, eines sehr alten jain-tempels und, als krönender abschluss, die besichtigung des durga-tempels, der schwarzen göttin. ich war sehr aufgeregt deswegen, habe ich als studentin der ethnologie doch vor langer zeit meine magisterarbeit über eben diese göttin geschrieben. die als blutrünstige göttin bekannte durga, auch kali genannt. die kriegsgöttin, die man auch in zeiten der schweren not anbetet.

wir schauten noch einmal nach unserem krankenlager und zogen mit unserer bescheidenen gruppe los. 2 schritte aus dem hotel und zack waren wir wieder mittendrin im geschehen. im gewühl des kleinen, trubeligen, pulsierenden karauli. hup hup! hello! hello!

nach nur 3 tagen wurde uns das allgegenwärtige chaos langsam vertrauter. ebenso wie der dreck und gestank. das hört sich vielleicht  etwas merkwürdig an, aber es ist wirklich so. indien ist laut, dreckig, heiß, anstrengend und es stinkt an manchen orten erbärmlich. aber indien ist auch wunderschön, bunt, freundlich, herzlich, faszinierend, in seiner schönheit mit nichts zu vergleichen, das ich kenne. und so gewöhnt man sich an den lärm und dreck und passt halt auf, wo man hintritt und was man isst und dass man zur seite geht, wenn es hinter einem hup hup macht und dass man freundlich zurückwinkt und lacht, wenn man ein hello! hört. was so ziemlich den ganzen tag der fall ist. und dann macht die große herztür klapp und geht auf und all das schöne, das indien bereit hält, strömt hinein und macht einen ganz schön glücklich.

aber jetzt ein paar bilder. zunächst der wunderbare, kleine, überaus kunstvolle jain-tempel im stadtzentrum. ein echtes juwel. von außen eher unscheinbar, im innern prachtvoll wie kaum etwas, das ich zuvor gesehen habe. leider etwas schwierig zu fotografieren, da eher dunkel, ich hab es aber probiert. ach ja, noch ein kleiner schwank dazu: sohan, unser reiseleiter, stammt ja bekanntlich aus der lustigen kaste. immer und allerorts. so erklärte er uns, dass man in jain-tempeln vereinzelt auf die darstellung nackter männer trifft. dabei handelt es sich um eine besondere gruppe heiliger männer, die nackt dahergehen. auch heute noch trifft man, wenn auch sehr vereinzelt, auf nackte jains. „diese heiligen zeigen ihr instrument!“ belehrte uns sohan augenzwinkernd *kicher*

unser weg führte uns weiter zum prachtvollen stadtpalast. wenn man die unzähligen stadtpaläste rajasthans gesehen hat, einer beeindruckender als der andere, bekommt man eine ahnung davon, wie es früher, zu zeiten der moghulkaiser und maharadschas gewesen sein muss. wie man sich 1001 nacht vorstellt, genau so!

ein wenig ermattet fuhr unsere kleine truppe im anschluss mit dem bus zum etwas außerhalb gelegenen durga-tempel. wie so oft, verflog die müdigkeit in dem moment wieder, als wir aus dem bus stiegen. das war ein phänomen auf dieser reise. sobald man aus dem bus stieg, macht es zack und man war drin. egal, wie müde und erschlagen man vorher noch war. manchmal schleppte man sich, wegen zu heiß, zu weit weg, zu anstrengend, gefühlte 1000 stufen zur dachterasse eines palastes hoch, fragte sich, wie man das überhaupt schaffte, und man überlebte es. habe ich schon gesagt, dass indien anstrengend ist? indien ist anstrengend. aber indien ist so unglaublich schön, dass man das gerne auf sich nimmt. ach, ich wiederhole mich.

zurück zum durga-tempel. der weg zu einem tempel ist meist unverkennbar von unzähligen ständen, die devotionalien verkaufen, gesäumt. das ist eine besonders farbintensive und wohlriechende angelegenheit: blumen, bunte wimpel, rotes pulver, mit dem man den berühmten roten punkt auf die stirn malt, räucherwerk und prozessionen von pilgern.

am tempel angekommen, erwartete uns ein treiben, das seinesgleichen sucht. wo man hinschaute, war der göttinenkult in vollem gange. mit einer intensität, die mich richtiggehend verstörte. menschen schmissen sich klagend auf den boden, schleppten ihre kranken kinder hinter sich her, an allen ecken und enden wurde die göttin angerufen, wah, ein unwirkliches szenario für eine gewöhnliche mitteleuropäerin. es hatte etwas wildes, ursprüngliches. eine aus unserer gruppe nahm das alles so mit, dass sie sich spontan in einen am rand stehende tonne übergeben musste 😉

ich ließ mich mit der menge der gläubigen in das tempelinnere gleiten. im innern nahm die intensität noch deutlich zu. uff, so etwas hatte ich noch nie erlebt. es kam mir fast vor, als würde ich zeuge eines alten, dunklen kultes werden, in dem wilde eingeborene tief im dschungel eine dunkle gottheit verehren. ja ja, ich weiß, vermutlich zu viel indiana jones gesehen, aber ich sag euch, das war echt sehr besonders. im räumlich engen tempelinnern gab es einen, durch ein seil abgetrennten schrein, für die göttin. 2 priester liefen geschäftig hin und her und fingen die devotionalien, die die gläubigen in den schrein warfen, auf und legten alles in körbe. in kurzen abständen warfen alle die arme hoch und riefen voller inbrunst ihre anbetung. eine sehr, sehr emotionale angelegenheit, kann ich nur sagen. ich stand ein wenig schüchtern umher, oder besser, im weg herum und war ganz von der rolle. dann stand ich vor ihr, vor kali, der schwarzen göttin, auge in auge. leise und schüchtern sagte auch ich meine anbetung. das musste dann einfach sein. als ich den tempel wieder verließ, begrüßten mich am ausgang ein paar kleine, fröhliche kinder und malten mir den roten segenspunkt auf die stirn. ich war gesegnet. ich war im tempel der schwarzen göttin und ich war gesegnet. und das an meinem geburtstag. wenn das mal kein gutes omen ist! wir warfen noch einen letzten blick auf den tempel und die ihn umgebende, wunderschöne flusslandschaft und fuhren zurück.

 

ein weiterer, ereignisreicher tag ging zu ende und mit all den vielen eindrücken angefüllt kamen wir im dunkeln ins hotel zurück. wo uns eine halbwegs wieder lebende resttruppe erwartete. dafür fiel es mich spätabends noch an. boah, musste das sein. ich verbrachte eine nicht enden wollende nacht und war erstaunt, wie kotzübel es einem doch gehen kann und wie weit ein klo sein kann. interessante erfahrung, wenn es oben und unten gleichzeitig rauskommt, muss ich sagen.

3 Wochen Indien: Wir sind Popstars

unsere nächste etappe führte uns von agra nach karauli. das liegt südwestlich von agra. ich kann an dieser stelle schon mal sagen: am ende dieser etappe blickten wir äußerst zufrieden und aufgekratzt auf einen ereignisreichen tag zurück.

wir fuhren lange über land, die dicht besiedelten städte ließen wir hinter uns und draußen zog nun das ländliche indien an uns vorbei. das sehr schön ist. es wirkt idyllisch, geordnet, strukturiert. ein krasser gegensatz zu dem überbordenden chaos der urbanen gebiete.

so sieht ein typischer aus-dem-busfenster-blick auf das ländliche indien aus:

unsere erste tagesetappe führte uns in das UNESCO-weltkulturerbe fatehpur sikri. rajasthan ist berühmt für seine imposanten baudenkmäler und das taj mahal ist nur eins davon. wenn man das taj mahal sieht, denkt man, da kann nichts mehr kommen, das einen nachhaltig beeindrucken kann. es kann. und zwar nicht zu knapp. am ende der 3 wochen hatten wir das gefühl, eine der schönsten historischen bauwerke der welt gesehen zu haben. fatehpur sikri schein auf uns gewartet zu haben. wir waren die ersten besucher. und über fatehpur sikri lag eine ganz besondere atmosphäre, der man sich nicht entziehen konnte. es schien fast, als könnte man ein wenig von der großen moghulzeit nachspüren.

 

das lag zu einem großen teil auch an sohan, unserem reiseleiter. sohan war ein quell historischer geschichen. er erzählte leidenschaftlich die geschichten der großen moghulkaiser, ihrer großen lieben, kriege, hofintrigen, und wir waren mittendrin. was für ein guter erzähler sohan war! er erzählte mit einer völligen selbstverständlichkeit ereignisse aus längst vergangenen zeiten, als wäre er selbst dabei gewesen, und seine geschichten über die unzähligen hindu-götter waren für ihn eine feste, historische tatsache. über jeden zweifel erhaben. am ende glaubte ich es auch. es war übrigens einer seiner tricks, immer dann, wenn er keine passende antwort auf eine frage hatte, das thema geschickt auf seinen lieblingsgott krischna zu lenken 😉

einen nächsten zwischenstopp gab es in bharatpur, dem großen vogelnationalpark rajasthans mit über 400 vogelarten. unsere anfänglichen zweifel, das könne eine öde angelegenheit werden, lösten sich im nu in luft auf. bereits nach kurzer zeit sahen wir von unserer fahrradriksha aus, mit der wir den park durchstreiften, bunte störche beim brüten. ich wusste gar nicht, dass es solche vögel gibt. unvergesslich.

weiter ging es richtung karauli. sohan überraschte uns nach einer kurzen weiterfahrt mit einem stopp am wegesrand und servierte uns rum mit cola aus plastikbechern. giggelnd standen wir am straßenrand, tranken unseren cocktail und wurden 100-fach von vorbeifahrenden fahrzeugen (busse, laster, traktoren, kamelwagen) angehupt, angewunken und angehelloed. und dann überraschte er uns ein weiteres mal. offenbar hatte sohan beschlossen, dass wir, am dritten, tag, soweit waren, ein bad in der menge zu nehmen. so hielt unser bus in einem kleinen städtchen an der seite an und spuckte eine gruppe schüchterner, bleicher touristen aus, die ein wenig unsicher, einer nach dem andern, sohan hinterherstolperten. muss ein köstlicher anblick gewesen sein. unsere anfängliche unsicherheit machte aber schon nach wenigen augenblicken einer unbändigen neugier und lust platz. lust auf die bunte menge, die uns sofort umschloss, lächelte, hello rief, uns begleitete, sich mit uns fotografieren ließ und einfach, ja, einfach nur  super nett war. alle. wie einfach es doch sein kann, gut gelaunt und freundlich zu sein, dachte ich in mich hinein. seht selbst:

 

 

 

und dann passierte etwas sehr, sehr lustiges. plötzlich tauchte in der menge ein mann auf, der sich als reporter des lokalen fernsehsenders vorstellte und uns als celebrities interviewte. was für ein spaß. um uns herum johlte und applaudierte die menge und wir kamen aus dem lachen selbst nicht mehr heraus. was für eine überraschung!

als wir wieder in den bus stiegen, wurden wir von einem triller-, pfeif- und johlkonzert begleitet wie michael jackson auf dem höhepunkt seiner karriere. wir sind popstars.

am abend wartete dann die letzte große überraschung auf uns: unser hotel. wir übernachteten in einem ehemaligen stadtpalast der könige von karauli, das nun zu einem hotel umgebaut ist. die überraschend junge königin lebt noch darin. das wow stand uns allen im gesicht geschrieben. ich sagte ja zu anfang: ein ereignisreicher tag.

 

3 Wochen Indien: Taj Mahal forever!

„Du ließest dir deine Königsmacht entgleiten, Shah Jahan, aber der Träne, die die Liebe weinte, wolltest du ewiges Leben geben.“

mit diesen worten beginnt der gedichtsband die gabe des liebenden des berühmten indischen dichters rabindranath tagore, in dem er die unsterbliche liebe des großmogul shah jahan zu seiner frau mumtaz mahal beschreibt. shah jahan ließ dieses bauwerk 1631 zum gedenken an seine geliebte gemahlin erbauen. somit ist es wohl das romantischste bauwerk der welt und zieht bis heute millionen liebespaare aus aller welt an.

ich muss etwa 22 jahre alt gewesen sein, als ich es das erste mal las, und seitdem wollte ich immer den taj mahal sehen. es sollte viele jahre dauern, bis es soweit war. nennt es sentimental, aber seit genauso vielen jahren trage ich dieses kleine büchlein in meinen diversen handtaschen mit mir herum.

am 27.11.2011, historisches datum, sollte es soweit sein. katerwolf sah den taj mahal.

 

zunächst aber ging es am morgen um die bewältigung des ersten indischen frühstücks. eine etwas paranoide reisegruppe drückte sich verunsichert vor dem frühstücksbuffet des hotels herum und diskutierte darüber, wo überall wasser drin sein könnte. denn, das weiß ja jeder, wasser in indien = sofortiges ableben. so blieben die fruchtsäfte und der hausgemachte joghurt curd unbeachtet liegen. stattdessen kaute man etwas lustlos auf toast mit gummibärchenmarmelade herum und die mutigen aßen tapfer das indische frühstück: linsen dal, kartoffelcurry-suppe und indisches fladenbrot roti. ich fand das als einstieg sehr lecker, scharf und stärkend. 1 stunde später, im bus, hatte ich meine erste lektion gelernt: von dal bekommt man arge blähungen. in einem vollen reisebus sehr abträglich. ich übte mich mit erfolg in selbstkontrolle.

die busfahrt von delhi nach agra war spannend. lang – in indien braucht man für alle strecken zienlich lang – aber spannend. unsere reisegruppe saß im bus und starrte gebannt durch die busfenster nach draußen. da draußen war indien. ein scheinbar völlig fremder planet. ein bunter, chaotischer, lauter, dreckiger, wunderbarer, pulsierender planet.

 

mein 2. eindruck war: in indien passiert das ganze leben auf der straße. nichts wird versteckt, alles ist sichtbar vorhanden. wenn man aus einer kultur kommt, in der das meiste unangenehme, wie etwa tod, alter, wahnsinn, weggesperrt wird, ist man völlig geschockt, all das auf dem präsentierteller zu sehen. überall. völlig selbstverständlich. ich dachte an südafrika und seine townships. in indien ist alles überall. ich sah das bunteste gewimmel des universums an uns vorüberziehen. ich sah pompöse rolls royce- und rolex-niederlassungen und slumhütten auf dem bürgersteig davor. ich sah zerlumpte menschen mitten auf der kreuzung auf dem schmalen mittelstreifen schlafen. es tat gut, erstmal nur durch das busfenster schauen zu können, sich an all das fremde, das man draußen sah, gewöhnen zu können. es sollte noch ein paar tage dauern, bis wir uns alle trauten, genau da rein fallen zu lassen. und dann machte es großen spaß.

so saßen wir am 2. tag einfach im bus und staunten. und staunten. und staunten weiter.

und dann hörte das staunen nicht mehr auf. vielmehr steigerte es sich zu dem staunen. wie waren am taj mahal angekommen. fast unwirklich, überirdisch schön, scheint dieses monument über der erde zu schweben.

wir ließen uns in die bunte menge gleiten, bestaunten die wunderschönen frauen in ihren prachtvollen saris und wurden zurückbestaunt. angelächelt, angelacht, angegrinst. ich bin noch nie im leben irgendwo so konsequent freundlich angelächelt worden, wie in indien.

 

 

„single line! single line!“ tönte es von allen seiten. uniformierte wachleute mit trillerpfeifen und schlagstöcken ordneten die wartenden menschenmassen von allen seiten in eine schnurgerade schlange. an sich schrecklich. in indien ein quell des spaßes. mit gutgelaunten menschen steht man sogar gerne in der warteschlange. nirgends macht schlangestehen so viel spaß wie dort. ich würde sagen: nirgends ist es so bunt. seht selbst:

 

unsere schillernd bunte schlange führte uns um das gebäude herum und erlaubte atemberaubende perspektiven: auf das bauwerk, die umgebung und die menschen. so viel schönheit überall. wir waren völlig gebannt.

 

 

 

 

 

überwältigt und glücklich fuhren wir im anschluss in unser hotel und dann zum abendessen in ein gartenrestaurant. ich aß mein erstes navratam korma, ein vegetarisches currygericht mit gemüse, frischem obst, cashewnüssen und chilli. ultralecker!

Indien: andere Länder, andere Sitten

wie gesagt, es gibt da noch mehr erinnerungen an meine zeit in indien 😆

ich hatte mich mehr oder weniger auf meine 6-monatige reise nach indien vorbereitet. mehr oder weniger deshalb, weil in meinem kopf überwiegend erleuchtete wesen und blumengärten und maharadschatempel herumspukten. das war aber nicht schlimm, denn tatsächlich kann man sich nur schwer auf die konfrontation mit dieser drastisch anderen lebensweise, mit der bunten überfülltheit allerorts, mit dem geräuschpegel, den farben, dem geruch und der uns völlig fremden mentalität vorbereiten. indien überrollt einen wie ein psychedelischer tsunami. als ich nach gefühlten 100 stunden flugzeit um 3 uhr morgens völlig übernächtigt, gejetlagt und gemartert aus der holzklasse meines fliegers stieg und das flughafengebäude in delhi verließ, prallte ich gegen eine glutheiße wand aus hitze, krach und gestank. ich glaube, es waren etwa 5 millionen taxis und zwar autos, rikschas und mopeds, die uns flugreisende erwarteten. von den geschätzten 10 millionen verwandten, die ebenfalls warteten, abgesehen.

ich stieg zombieartig in eine motorisierte rikscha und fragte nach einem günstigen hotel. der rikschafahrer hatte natürlich einen cousin, der ein hotel hatte, sowas klappt immer. trotz meines völlig lädierten geisteszustands nahm ich wahr, dass auf der straße unzählige kühe herumlagen und geier herumsaßen. das hotelzimmer entpuppte sich als bretterverschlag mit pritsche und deckenventilator und kostete etwa 5 euro. für damalige verhältnisse perfekt. in den nächsten tagen ließ ich mich einfach treiben und erkundete delhi, was eine echte herausforderung ist 😉 . es war unglaublich heiß, voll, laut und über alle maßen faszinierend, was sich mir so an eindrücken bot. vor allem die menschen zogen mich in ihren bann: frauen in bunten saris und punjabi dress, männer in gewandartigen kleidern und turbanen auf dem kopf, jede menge rauschebärte aber auch genauso viele akurat gekleidete business menschen mit aktenkoffern, anzug und krawatte. und ein permanentes verkehrschaos. hupe ersetzt ampel, sage ich nur. ich bin gerne rikscha gefahren, man kommt relativ schnell voran und stärkt seinen mut unendlich, denn eine rikscha hat immer vorfahrt. ich vermute aber auch, dass grundsätzlich immer jeder vorfahrt hat. ich erinnere mich an eine fahrt, an der ich dringend einen bus erreichen musste. es war rushhour. der fahrer fuhr so halsbrecherisch, dass ich völlig steif in der rikscha saß und echte bedenken hatte, den busbahnhof lebend zu erreichen. es beruhigte mich auch keineswegs, dass der fahrer seine rikscha innen mit heiligenbildern tapeziert hatte und unentwegt vor sich hinsang:

„hare rama, hare krischna, rama rama, hare hare.“

als ich ihn fragte, warum er das tat, bekam ich in dem typischen indisch-englischem singsang zur antwort:

„madame, you neverrr know dirrrectly where you go. madame, maybe you live, maybe it happens you die. god only knows this. yes, madame. so it is always good, to prepare for you die, madame. you then dirrrectly go to god.“

wirklich sehr beruhigend. ich kam aber immer lebend am ziel an. war wohl gottes wille 😉

es ist auch erstaunlich, wie viele menschen in eine kleine rikscha passen und um eine rikscha herum und auf eine rikscha drauf 😉

eine erfahrung hat mich in den ersten tagen meines indienaufenthaltes besonders fasziniert. etwa am 3. tag nahm ich wahr, dass die straßen mit bettlern und obdachlosen, halbnackten menschen bevölkert war. es waren hunderte, tausende. waren sie vorher nicht da? sind sie über nacht plötzlich aufgetaucht? wohl kaum. wieso war mir das in den ersten tagen nicht aufgefallen? ich habe lange darüber nachgedacht. ich glaube, dass unsere wahrnehmung so etwas einfach überhaupt nicht kennt und daher erstmal ausblendet. nach einiger zeit passt sich die wahrnehmung an das fremde, neue an und der vorhang öffnet sich. vielleicht ist das eine art schutzmaßnahme des geistes. so sah ich auch erst nach einigen tagen überall prozeduren mit singenden menschen, die mit blumen geschmückte leichen auf bahren umhertrugen.

wer trägt bei uns schon seine verstorbenen verwandten mit blumen geschmückt singend durch die straßen? und halbnackte, unterernährte menschen, die abends zu tausenden die bürgersteige beziehen und dort essen, schlafen und leben, sieht man hier auch eher weniger.

auch das ist indien.

trotz all der widersprüche, die ich dort erlebt habe, verband mich binnen kürzester zeit eine große liebe mit dem land, die mich bis heute nicht losgelassen hat. ich bin damals sehr low buget gereist, mit rucksack und wenig geld. heute würde ich das land anders bereisen, das ist klar. aber gewisse dinge erlebt man vielleicht nur, wenn man einfach unterwegs ist. zum beispiel, dass man morgens die tür seines kleinen, ebenerdigen zimmerchens öffnet und auf der mauer gegenüber eine muntere affenschar hockt, die einen fröhlich anschaut. um dann wie eine wilde bande ins zimmer zu stürmen und mit bananen bewaffnet und diversen anderen dingen in den händen wieder an einem vorbei rauszustürmen und völlig schmerzfrei auf der mauer deine bananen zu futtern. und dich frech anzukucken.

oder riesige, schwarze skorpione unterm bett zu entdecken.

oder morgens mit einem wassereimer in richtung plumpsklo zu wandern und dabei von unzähligen augenpaaren verfolgt zu werden, die dir, wenn du wieder zurückkommst, forschend und intensiv ins gesicht schauen. ich vermute, sie wissen ganz genau wie groß der haufen war, den ich morgens gemacht habe. und vermutlich haben sie darüber diskutiert.

oder auf der straße mit den worten angesprochen zu werden:

„excuse me madame, I have a little question. are you happy, madame?“

und, am I happy? fragt man sich dann den rest des tages. ich glaube, ich habe mich seitdem nie mehr mit völlig fremden menschen darüber unterhalten, ob ich glücklich bin oder nicht und soviel private dinge irgendwo in einem großen, kantinenartigen restaurant mit zufälligen tischnachbarn ausgetauscht. ich erfuhr familienschicksale, ehedramen und wer mit wem verwandt ist in den weiten indiens, während ich kokosbällchen in rosensyrup in mich reinfutterte. ich glaube, ich habe auch nie mehr im leben so viele fotos mit wildfremden menschen mein eigen genannt, da es in indien offenbar völlig selbstverständlich ist, seine ganze familie dazuzustellen, wenn man von einem touristen gebeten wird, ein foto von einem zu machen 🙂

sowiet indien für heute 😉 es gibt 1000 gründe nach indien zu fahren. mir fallen zumindest so viele ein!

Indien: von heiligen Männern und nicht immer heiligen Absichten

meine geschichten aus indien sind noch nicht ausgeschöpft 😉

rishikesh, wo ich 6 aufregende monate meines lebens verbrachte, hat als heilige stadt eine lange tradition. zu beiden ufern des ganges erstrecken sich zahlreiche kleine und große ashrams, manche sehr bekannt, andere eher insidertipps. die 2 wohl bekanntesten ashrams sind der maharishi-tempel, der in den 60ern durch den besuch der beatles berühmt wurde und der shivanandaashram. letzterer ist ein sehr aktiver ort, der durch seine offenheit sehr viele interessierte aus dem westen anzieht. während meines aufenthalts habe ich dort so manche stunde in trauter gemeinschaft von orange-gekleideten, glatzköpfigen mönchen und spirituellen touristen mit dem singen von mantren und in meditation verbracht. ich mochte das ausgesprochen gerne dort und habe den ashram immer als besonderen ort der ruhe empfunden. es herrschte immer eine geschäftige und heitere atmosphäre und der gesang, der zu vielen zeiten durch die räume und höfe schallte, hatte etwas helles, frohes und trug einen immer weit fort, über den ganges hinweg hoch in den himalaya. beeindruckt hat mich auch die öffentliche, kostenlose krankenversorgung durch ehrenamtliche ärzte, einige auch aus dem westen, die ihren dienst dort leisteten.

wenn man längere zeit an einem heiligen ort verweilt, lernt man die menschen dort recht gut kennen. das bunte, quirlige gedränge, mit dem man im dicht besiedelten indien überall konfrontiert wird, bekommt dann gesichter und namen und man baut beziehungen auf. das war das gute an meinem entschluss, die zeit an nur 1 ort zu verbingen. rishikesh ist eine hochburg der spirituellen begegnungen. ortsansässige gurus, zugewanderte gurus, selbsternannte gurus und menschen auf der suche nach gurus prägen das straßenbild. an jeder ecke kann man meditieren, yoga machen, zu sich finden, es ist ein spaß 😆

ich habe in rishikesh viele, viele heilige sadhus und suchende kennengelernt. mit vielen habe ich mich angefreundet, manchen bin ich sehr nahe gekommen und an dem einen oder anderen habe ich mich gestoßen. aber ich habe nie, nie das gefühl gehabt, in irgendeiner weise ausgenutzt oder „über den tisch gezogen worden zu sein“. ok, ein bisschen, als ich durch vortäuschung falscher tatsachen einen ganzen haustempel gestrichen habe. war aber nicht weiter schlimm. ein paar der sadhus und gurus und erleuchtungs-touristen sind mir in besonderer erinnerung geblieben.

so zum beispiel laura aus genua. laura war eine wunderschöne, hoch emotionale italienerin, die frisch geschieden nach indien kam um ihr glück zu suchen. sie fand ihr glück, ganz oft! sie verliebte sich so ziemlich in jeden sadhu, den sie traf und schwankte viele monate fast ständig zwischen liebeswahn und liebeskummer. jeder kannte sie. am ende fand sie doch ihr glück, in form eines italieners, den es wie sie auf der suche nach dem glück nach rishikesh verschlagen hatte. oder naomi, eine junge, winzig kleine japanerin, die für 1 jahr ausgestiegen war, was für japaner, die in wesentlich engeren, strafferen strukturen leben als wir, nicht einfach ist. und diese kleine person hatte es geschafft. auch naomi war auf der suche nach erleuchtung und befreiung nach indien gekommen. sie war sehr liebenswert aber auch sehr naiv und wir freundeten uns an. naomi war bei allen gurus des ortes zu gast. bis sie auf rama traf. rama war ein gut aussehender, junger sadhu, der eher ein schelm mit unheiligen absichten war. so durchstreifte er den ort und kam mit jungen touristinnen ins gespräch, meist über die heilige anmache:

„hello, are you looking for your kundalini?“

für laien und ganz kurz: kundalini ist die spirituelle kraft, die es zu erwecken gilt. man stellt sie gerne bildlich auch als schlange dar, die zusammengerollt im untersten chakra (energiezentrum) des menschen in der nähe des steißbeins auf ihre erweckung wartet. zahlreiche praktiken dienen dem  zweck, die kundalini zu erwecken, die anschließend durch alle weiteren chakren emporwandert, bis sie im schädeldach das oberste energiezentrum erreicht und sich dort mit gott vereint = erleuchtung. hört sich sehr abenteuerlich an, ich weiß. aus meiner persönlichen erfahrung kann ich nur sagen: es gibt sie, diese schlange. wenn auch nicht bis ganz oben, so ist sie bei mir doch ein stück des weges mal emporgeklettert und uiiiiii, ganz schön beeidnruckend 😉

zurück zu rama und naomi. rama´s frage beantwortete naomi hoffnungsfroh mit: „yes!“ worauf rama ihr anbot, sie mitzunehmen und ihr die kundalini zu zeigen. ihr ahnt sicher schon, wo er sie versteckt hielt. in seinem zimmer, in seiner hose. naomi kam völlig aufgelöst in mein zimmer gerast und erzählte mir mit schnappatmung, dass die kundalini wirklich eine schlange sei. was soll man dazu sagen? naomi schrieb mir noch 2 jahre lang, nachdem sie nach tokio zurückgekehrt war, briefe. in einem schließlich schrieb sie mir voller glück, sie hätte tatsächlich jemanden gefunden, der noch kleiner war als sie. ihren zukünftigen mann. er war ein zwerg. naomi war schon sehr besonders. jeder topf findet sein deckelchen 😉

natürlich gab es auch seriöse vertreter, ich habe einige getroffen. davon den einen oder anderen, der über eine solche ausstrahlung verfügte, dass man alleine durch seine präsenz das gefühl hatte, dass ein türchen in einem aufgeht und die richtung weist auf etwas, das sehr viel größer ist als man selbst. schöne begegnungen waren das.

ein mysterium blieben für mich die anhänger des gottes shiva. wilde gesellen, die nur durch ein knappes tuch um die hüfte bedeckt, mit langen rastahaaren, die sie zu beeindruckenden konstruktionen auf ihrem kopf aufgetürmt hatten, in gruppen den dorfplatz bevölkerten. man traf sie auch mutterseelenallein an völlig unerwarteten orten an, wo sie solche merkwürdigen sachen machten wie: auf einem bein stehen. oder: ein gefühlt 100 meter langes tuch aus dem mund ziehen, das sie vorher verschluckt hatten (dient der inneren reinigung). sie beschmierten ihre körper mit asche und hatten ein mal auf ihrer stirn gezeichnet. sie hatten alle glutvolle augen und ich schlich eine ganze weile um sie herum, bis ich mich endlich traute, einen von ihnen anzusprechen. ich erfuhr, warum sie so glutvolle augen hatten: sie kifften den ganzen tag aus großen pfeifen rund um die uhr 😉 . neugierig wie ich bin, verbrachte ich ein paar tage mit ihnen. some new experience kann ich nur sagen 😉 . mit ihnen erlebte ich etwas besonders schönes. eines tages erzählten sie mir, dass man von einer einsamen uferstelle aus beobachten könne, wie elefanten ans andere ufer zum trinken kommen. sie nahmen mich mit und tatsächlich, die elefanten kamen. ordentlich bedröhnt saßen wir am ufer und freuten uns über die elefanten ein loch in den bauch.

es gab so viele, viele mehr, die mir begegnet sind, vielleicht noch einer: mukesh. mukesh war der sohn einer mir bekannten musikerfamilie. wie viele, junge indische männer war er brennend an den touristinnen, die zu hauf in das städtchen strömten, interessiert. eines tages kam er frustriert zu mir und maulte: „touristinnen wollen nur heilige sadhus. da hat so ein normaler junge wie ich keine chance. egal wie hässlich du bist, du musst dich nur bunt anmalen und dich irgendwo wie ein idiot auf 1 bein auf einen stein stellen und schwupps hast du ein europäisches mädchen am wickel. und ich? ich bin nur ein normaler, indischer junge, keine chance.“