3 Wochen in Indien: Zu Besuch bei der schwarzen Göttin

schrieb ich in meinem letzten post, dass der tag mit einer großen überraschung endete? nun ja, der nächste begann mit einer solchen. und zwar, als beim frühstück nur etwa 5 (von 18) mitreisenden erschienen. der rest lag halbtot mit durchfall und erbrechen im bett. mein lieber mann hatte mich bereits nachts auf trab gehalten, als er würgend und elend mindestens 20 x aufs klo raste. und wir hatten in diesem wunderbaren palasthotel das glück gehabt, eine suite zu ergattern, in der sich das bad am langen ende einer zimmerflucht befand. das kann in solchen situationen ganz schön weit sein.

es sah so aus, dass sich fast die ganze gruppe am vortag eine lebensmittelvergiftung zugezogen hatte. nun ist es aber so, dass man in indien einfach zu 98 % damit rechen muss, durchfall und magenprobleme zu bekommen. das gehört zu einer indienreise dazu und man muss es mit einkalkulieren. geht ja auch wieder vorbei! ich hatte wundersamerweise nichts. man kann ja auch mal glück haben. außerdem war an dem tag mein geburtstag!

auf dem tagesprogramm standen der besuch des stadtpalstes, eines sehr alten jain-tempels und, als krönender abschluss, die besichtigung des durga-tempels, der schwarzen göttin. ich war sehr aufgeregt deswegen, habe ich als studentin der ethnologie doch vor langer zeit meine magisterarbeit über eben diese göttin geschrieben. die als blutrünstige göttin bekannte durga, auch kali genannt. die kriegsgöttin, die man auch in zeiten der schweren not anbetet.

wir schauten noch einmal nach unserem krankenlager und zogen mit unserer bescheidenen gruppe los. 2 schritte aus dem hotel und zack waren wir wieder mittendrin im geschehen. im gewühl des kleinen, trubeligen, pulsierenden karauli. hup hup! hello! hello!

nach nur 3 tagen wurde uns das allgegenwärtige chaos langsam vertrauter. ebenso wie der dreck und gestank. das hört sich vielleicht  etwas merkwürdig an, aber es ist wirklich so. indien ist laut, dreckig, heiß, anstrengend und es stinkt an manchen orten erbärmlich. aber indien ist auch wunderschön, bunt, freundlich, herzlich, faszinierend, in seiner schönheit mit nichts zu vergleichen, das ich kenne. und so gewöhnt man sich an den lärm und dreck und passt halt auf, wo man hintritt und was man isst und dass man zur seite geht, wenn es hinter einem hup hup macht und dass man freundlich zurückwinkt und lacht, wenn man ein hello! hört. was so ziemlich den ganzen tag der fall ist. und dann macht die große herztür klapp und geht auf und all das schöne, das indien bereit hält, strömt hinein und macht einen ganz schön glücklich.

aber jetzt ein paar bilder. zunächst der wunderbare, kleine, überaus kunstvolle jain-tempel im stadtzentrum. ein echtes juwel. von außen eher unscheinbar, im innern prachtvoll wie kaum etwas, das ich zuvor gesehen habe. leider etwas schwierig zu fotografieren, da eher dunkel, ich hab es aber probiert. ach ja, noch ein kleiner schwank dazu: sohan, unser reiseleiter, stammt ja bekanntlich aus der lustigen kaste. immer und allerorts. so erklärte er uns, dass man in jain-tempeln vereinzelt auf die darstellung nackter männer trifft. dabei handelt es sich um eine besondere gruppe heiliger männer, die nackt dahergehen. auch heute noch trifft man, wenn auch sehr vereinzelt, auf nackte jains. „diese heiligen zeigen ihr instrument!“ belehrte uns sohan augenzwinkernd *kicher*

unser weg führte uns weiter zum prachtvollen stadtpalast. wenn man die unzähligen stadtpaläste rajasthans gesehen hat, einer beeindruckender als der andere, bekommt man eine ahnung davon, wie es früher, zu zeiten der moghulkaiser und maharadschas gewesen sein muss. wie man sich 1001 nacht vorstellt, genau so!

ein wenig ermattet fuhr unsere kleine truppe im anschluss mit dem bus zum etwas außerhalb gelegenen durga-tempel. wie so oft, verflog die müdigkeit in dem moment wieder, als wir aus dem bus stiegen. das war ein phänomen auf dieser reise. sobald man aus dem bus stieg, macht es zack und man war drin. egal, wie müde und erschlagen man vorher noch war. manchmal schleppte man sich, wegen zu heiß, zu weit weg, zu anstrengend, gefühlte 1000 stufen zur dachterasse eines palastes hoch, fragte sich, wie man das überhaupt schaffte, und man überlebte es. habe ich schon gesagt, dass indien anstrengend ist? indien ist anstrengend. aber indien ist so unglaublich schön, dass man das gerne auf sich nimmt. ach, ich wiederhole mich.

zurück zum durga-tempel. der weg zu einem tempel ist meist unverkennbar von unzähligen ständen, die devotionalien verkaufen, gesäumt. das ist eine besonders farbintensive und wohlriechende angelegenheit: blumen, bunte wimpel, rotes pulver, mit dem man den berühmten roten punkt auf die stirn malt, räucherwerk und prozessionen von pilgern.

am tempel angekommen, erwartete uns ein treiben, das seinesgleichen sucht. wo man hinschaute, war der göttinenkult in vollem gange. mit einer intensität, die mich richtiggehend verstörte. menschen schmissen sich klagend auf den boden, schleppten ihre kranken kinder hinter sich her, an allen ecken und enden wurde die göttin angerufen, wah, ein unwirkliches szenario für eine gewöhnliche mitteleuropäerin. es hatte etwas wildes, ursprüngliches. eine aus unserer gruppe nahm das alles so mit, dass sie sich spontan in einen am rand stehende tonne übergeben musste 😉

ich ließ mich mit der menge der gläubigen in das tempelinnere gleiten. im innern nahm die intensität noch deutlich zu. uff, so etwas hatte ich noch nie erlebt. es kam mir fast vor, als würde ich zeuge eines alten, dunklen kultes werden, in dem wilde eingeborene tief im dschungel eine dunkle gottheit verehren. ja ja, ich weiß, vermutlich zu viel indiana jones gesehen, aber ich sag euch, das war echt sehr besonders. im räumlich engen tempelinnern gab es einen, durch ein seil abgetrennten schrein, für die göttin. 2 priester liefen geschäftig hin und her und fingen die devotionalien, die die gläubigen in den schrein warfen, auf und legten alles in körbe. in kurzen abständen warfen alle die arme hoch und riefen voller inbrunst ihre anbetung. eine sehr, sehr emotionale angelegenheit, kann ich nur sagen. ich stand ein wenig schüchtern umher, oder besser, im weg herum und war ganz von der rolle. dann stand ich vor ihr, vor kali, der schwarzen göttin, auge in auge. leise und schüchtern sagte auch ich meine anbetung. das musste dann einfach sein. als ich den tempel wieder verließ, begrüßten mich am ausgang ein paar kleine, fröhliche kinder und malten mir den roten segenspunkt auf die stirn. ich war gesegnet. ich war im tempel der schwarzen göttin und ich war gesegnet. und das an meinem geburtstag. wenn das mal kein gutes omen ist! wir warfen noch einen letzten blick auf den tempel und die ihn umgebende, wunderschöne flusslandschaft und fuhren zurück.

 

ein weiterer, ereignisreicher tag ging zu ende und mit all den vielen eindrücken angefüllt kamen wir im dunkeln ins hotel zurück. wo uns eine halbwegs wieder lebende resttruppe erwartete. dafür fiel es mich spätabends noch an. boah, musste das sein. ich verbrachte eine nicht enden wollende nacht und war erstaunt, wie kotzübel es einem doch gehen kann und wie weit ein klo sein kann. interessante erfahrung, wenn es oben und unten gleichzeitig rauskommt, muss ich sagen.

3 Wochen Indien: Taj Mahal forever!

„Du ließest dir deine Königsmacht entgleiten, Shah Jahan, aber der Träne, die die Liebe weinte, wolltest du ewiges Leben geben.“

mit diesen worten beginnt der gedichtsband die gabe des liebenden des berühmten indischen dichters rabindranath tagore, in dem er die unsterbliche liebe des großmogul shah jahan zu seiner frau mumtaz mahal beschreibt. shah jahan ließ dieses bauwerk 1631 zum gedenken an seine geliebte gemahlin erbauen. somit ist es wohl das romantischste bauwerk der welt und zieht bis heute millionen liebespaare aus aller welt an.

ich muss etwa 22 jahre alt gewesen sein, als ich es das erste mal las, und seitdem wollte ich immer den taj mahal sehen. es sollte viele jahre dauern, bis es soweit war. nennt es sentimental, aber seit genauso vielen jahren trage ich dieses kleine büchlein in meinen diversen handtaschen mit mir herum.

am 27.11.2011, historisches datum, sollte es soweit sein. katerwolf sah den taj mahal.

 

zunächst aber ging es am morgen um die bewältigung des ersten indischen frühstücks. eine etwas paranoide reisegruppe drückte sich verunsichert vor dem frühstücksbuffet des hotels herum und diskutierte darüber, wo überall wasser drin sein könnte. denn, das weiß ja jeder, wasser in indien = sofortiges ableben. so blieben die fruchtsäfte und der hausgemachte joghurt curd unbeachtet liegen. stattdessen kaute man etwas lustlos auf toast mit gummibärchenmarmelade herum und die mutigen aßen tapfer das indische frühstück: linsen dal, kartoffelcurry-suppe und indisches fladenbrot roti. ich fand das als einstieg sehr lecker, scharf und stärkend. 1 stunde später, im bus, hatte ich meine erste lektion gelernt: von dal bekommt man arge blähungen. in einem vollen reisebus sehr abträglich. ich übte mich mit erfolg in selbstkontrolle.

die busfahrt von delhi nach agra war spannend. lang – in indien braucht man für alle strecken zienlich lang – aber spannend. unsere reisegruppe saß im bus und starrte gebannt durch die busfenster nach draußen. da draußen war indien. ein scheinbar völlig fremder planet. ein bunter, chaotischer, lauter, dreckiger, wunderbarer, pulsierender planet.

 

mein 2. eindruck war: in indien passiert das ganze leben auf der straße. nichts wird versteckt, alles ist sichtbar vorhanden. wenn man aus einer kultur kommt, in der das meiste unangenehme, wie etwa tod, alter, wahnsinn, weggesperrt wird, ist man völlig geschockt, all das auf dem präsentierteller zu sehen. überall. völlig selbstverständlich. ich dachte an südafrika und seine townships. in indien ist alles überall. ich sah das bunteste gewimmel des universums an uns vorüberziehen. ich sah pompöse rolls royce- und rolex-niederlassungen und slumhütten auf dem bürgersteig davor. ich sah zerlumpte menschen mitten auf der kreuzung auf dem schmalen mittelstreifen schlafen. es tat gut, erstmal nur durch das busfenster schauen zu können, sich an all das fremde, das man draußen sah, gewöhnen zu können. es sollte noch ein paar tage dauern, bis wir uns alle trauten, genau da rein fallen zu lassen. und dann machte es großen spaß.

so saßen wir am 2. tag einfach im bus und staunten. und staunten. und staunten weiter.

und dann hörte das staunen nicht mehr auf. vielmehr steigerte es sich zu dem staunen. wie waren am taj mahal angekommen. fast unwirklich, überirdisch schön, scheint dieses monument über der erde zu schweben.

wir ließen uns in die bunte menge gleiten, bestaunten die wunderschönen frauen in ihren prachtvollen saris und wurden zurückbestaunt. angelächelt, angelacht, angegrinst. ich bin noch nie im leben irgendwo so konsequent freundlich angelächelt worden, wie in indien.

 

 

„single line! single line!“ tönte es von allen seiten. uniformierte wachleute mit trillerpfeifen und schlagstöcken ordneten die wartenden menschenmassen von allen seiten in eine schnurgerade schlange. an sich schrecklich. in indien ein quell des spaßes. mit gutgelaunten menschen steht man sogar gerne in der warteschlange. nirgends macht schlangestehen so viel spaß wie dort. ich würde sagen: nirgends ist es so bunt. seht selbst:

 

unsere schillernd bunte schlange führte uns um das gebäude herum und erlaubte atemberaubende perspektiven: auf das bauwerk, die umgebung und die menschen. so viel schönheit überall. wir waren völlig gebannt.

 

 

 

 

 

überwältigt und glücklich fuhren wir im anschluss in unser hotel und dann zum abendessen in ein gartenrestaurant. ich aß mein erstes navratam korma, ein vegetarisches currygericht mit gemüse, frischem obst, cashewnüssen und chilli. ultralecker!