Turbo-Erleuchtung in Indien

heute war der termin für meine 2. zometa-infusion. wohlwissend, dass es etwas länger dauert, habe ich mir zu hause meine lesebrille und ein buch zurechtgelegt und diese dann schön liegengelassen. super. so saß ich die ersten 10 minuten meiner infusion etwas ratlos herum, mit tropf im arm zur bewegungslosigkeit verdammt und langweilte mich. dann aber lehnte ich mich einfach entspannt zurück, schloss die augen, setzte mich auf meinen mentalen, fliegenden zauberteppich und ließ mich wegtragen – weit weg! und landete in indien.

dort war ich nämlich mal als studentin, ganze 6 monate lang. ich war damals eine ambitionierte amateur-fotografin und hoch motivierte weltreisende mit einem langgehegten traum: indien. das land übte von jeher eine starke faszination auf mich aus und eines tages beschloss ich, mir ein freisemester zu nehmen und meinen traum umzusetzen. mein plan war, von rishikesh bis zur quelle des ganges zu pilgern und  diese reise fotografisch und schriftlich zu dokumentieren.

so kam ich an einem oktobertag in rishikesh an, der heiligen stadt am ufer des heiligen flusses ganges. und blieb. 6 monate lang. aus verschiedenen gründen. ich blieb und tauchte tief in das leben dieses ortes am ganges ein. was machte ich dort? ich lernte ein indisches seiteninstrument spielen; machte eine ausbildung zur yogalehrerin; saß viele stunden auf den ghats, den breiten, steinern stufen, die zum ganges führen und sah dem vorbeifließenden wasserstrom nach; trank unmengen chai; verliebte mich unsterblich in einen guru und lernte sehr viele, sehr spezielle menschen kennen.

rishikesh war, damals zumindest, ein traum. wie man sich indien vorstellt. ein kleines, beschauliches städtchen, das sich verträumt zu beiden seiten des ganges an die ufer schmiegte. es gab unzählige tempel und ashrams und noch mehr heilige männer, sadhusgurus und babas, die dort ihr heil suchten aber auch die naivität heilsuchender touristen ausnutzten. es gab eine sehr lange, sehr schmale , sehr schwankende hängebrücke, die beide teile der stadt miteinander verband. von der brücke herab konnte man 10 m tiefer gewaltige, ebenfalls heilige fische füttern. und wie die gefüttert wurden! manchmal dachte ich, die brücke bricht durch. kein wunder, dass die fische so gewaltig waren. als zentraler ausgangsort für die pilgerwanderung zur gangesquelle fanden sich das ganze jahr über große scharen buntgekleideter pilger aus vielen teilen indiens ein, die fröhlich und laut die stadt bevölkerten. es gab ebenso große scharen touristen aus aller welt, die nach rishikesh kamen um sich selbst zu suchen und möglichst auch zu finden. das straßenbild wurde durch herden weißer, langhörniger, freilaufender kühe (auch heilig, superheilig sogar) und genauso heiliger, terror verbreitender affenscharen bevölkert. in rishikesh war einfach alles heilig. und scheinbar hatte jeder, der sich in der stadt aufhielt irgendetwas mit dem heiligen zu tun, auch wenn er es nur vorgab. sogar die bettler waren heilig. zumindest hatten sie einen mächtig guten trick drauf, um touristen, die alles, was auch nur ansatzweise heilig aussah verehrten, ein paar rupiahs abzuschwatzen. der chef der truppe war ganesh, ein überaus pfiffiger, sehr erfahrener bettler, der in seiner person alle symbole eines heiligen mannes vereinte: orangene kutte, lange weiße haare, langer weißer rauschebart, diverse aufgemalte symbole auf der stirn und einen entrückten blick über einer gewaltigen hakennase.

„sir, give me rupiahs, please,“

sprach er einen mit tiefer stimme an. wenn man von ihm wissen wollte, warum oder aber einfach weiterging und ihn ignorierte, sagte er:

“ I am a very holy man. I am the most holy man in rishikesh. I am the incarnation of abraham lincoln.“ 😆

mit dieser nummer hatte er ein lukratives einkommen.

bum bum bhaba hieß der guru mit dem sicher größten unternehmergeist im ort. er hatte sich auf italienische heilsuchende spezialisiert. diese waren in der regel nicht nur nach erleuchtung sondern auch nach dem stärksten haschisch auf der suche. bum bum bhaba versprach ihnen die sofortige erleuchtung, turbo-erleuchtung, durch flying meditation. das sah dann so aus, dass er ihnen am ufer des ganges das stärkste kraut zu rauchen gab, dass sich auftreiben ließ und ihnen mit bassstimme befahl: „now, you fly!“ und sie flogen. und wie sie flogen. wir hatten alle viel spaß ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich entrückt und glückselig am ufer des flusses herumwälzten. übrigens gab es auch sehr viele kiffende österreicher dort. einer davon wohnte neben mir im zimmer. 6 monate saß er kiffend auf dem balkon, starrte auf die straße und den ganges und sprach nicht. nach 6 monaten drehte er sich zu mir um und sagte in tiefstem österreichisch: „i foar zrück. nach wien. die küah werden mir schoa abgehn.“ was er von dieser reise wohl mit nach hause nahm?

es gab auch zahlreiche japaner, israelis und deutsche. die japaner waren meist mit einer mission unterwegs und wollten in japan mit indischen gurus spirituelle zentren eröffnen und waren ganz wild da drauf. ich erinnere mich an viele junge israelis, die auf mich den eindruck machten ausbrechen zu wollen. aus dem wo sie herkamen. und an deutsche, die die sache mit der erleuchtung ziemlich ernst und verbissen angingen 😉

und ich erinnere mich an ursula. ursula war eine ausgestiegene schweizer künstlerin undefinierbaren alters, die vor 30 jahren nach rishikesh gekommen war, blieb und als einsiedlerin hoch oben im berg wohnte. sie lebte dort mit 2 großen hunden und 2 verdächtig gut aussehenden, jungen indern in einer höhle, die sie zu einem gesamtkunstwerk umgebaut hatte. jeder pilgerte mal zu ihr hoch. so auch ich. und traf auf eine bemerkenswert alterslose, geistig sehr klare person in kurzen lederhosen und gretchenzöpfen. ursula gehört zu den merkwürdigsten menschen, die mir jemals begegnet sind. man sagte ihr sexaffären mit allen männlichen bewohnern rishikeshs nach.

ich könnte jetzt noch 100 seiten schreiben, das ist aber nicht sinn und zweck eines blogs, daher nur noch eine kleine, aber mir sehr schöne erinnerung:

auch ich verfiel in der zeit natürlich der faszination des heiligen. eines tages ging ich alleine am ganges spazieren, als mich ein junger sadhu ansprach. ein sehr gut aussehender sadhu, mit grünen augen und einer schwarzen, wunderschönen haarpracht. er erzählte mir ein wenig von sich und dass er sozusagen ein novize sei, der in einem kleinen kloster wohne und auf der suche nach erleuchtung nach rishikesh gekommen sei. er wollte mir unbedingt aus der hand lesen und ich ließ ihn. konzentriert schaute er in meine handfläche und erzählte mir mit geheimnnisvoller stimme, indien sei mein schicksal. ich würde am ufer eines großen flusses einen mann treffen, der mir die erleuchtung bringen würde. dieser mann hätte grüne augen. 😆 😆 😆

und dann erzählte er mir eine alte geschichte. die geschichte von einem könig, der allen irdischen gütern entsagte und sich für 20 jahre in eine höhle zurückzog, dort meditierte und auf seine erleuchtung wartete. nach 20 jahren war er immer noch nicht erleuchtet. da kam er aus seiner höhle heraus und just in dem augenblick kam eine junge, wunderschöne, blonde frau vorbei. sie gingen gemeinsam in die höhle und liebten sich. und was passierte dann? richtig, beide wurden sofort erleuchtet. turbo-erleuchtung.

ich hab mich nicht erleuchten lassen und er war auch nicht der guru, in den ich mich verliebte. aber das ist eine andere geschichte.