Rehageflüster: Heute schon gelacht?

ich habe fest daran geglaubt, dass ich nie, nie, nie so weit sinken und in einem bierzelt „hol das lasso raus“ gröhlen würde. ich bin so weit gesunken. gestern abend. ich kann sogar den text: „hol das lasso raus, wir spielen cowboy und idianer, wir reiten um die wette, ohne rast und ohne ziel, hast du mich umzingelt, muss ich mich ergeben, komm bind mich an den marterpfahl…“. das ganze wird von entsprechenden bewegungsabläufen begleitet. bei der textzeile „hol das lasso raus…“ wird ein imaginäres lasso über dem kopf geschwungen etc pp. ha, ertappt hab ich diejenigen unter euch, die das kennen 😉

in der reha gibt es bekanntlich einen mangel an abendunterhaltung. wenn man keine lust hat auf lesen, basteln, bloggen, sauna, schwimmen und mit rommée-diktatoren karten zu spielen, wird der abend schon mal lang. da greift man in der not nach jedem strohhalm. so etwa nach dem „utersumer trachtenfest“ in der strandkorbhalle. ehrlich, würd ich zuhause nicht für geld machen. gestern allerdings bin ich nach dem abendessen bestens gelaunt mit ein paar munteren mitstreiterinnen gen strandkorbhalle aufgebrochen.

fassungsloses entsetzen beim betreten der spärlich gefüllten festhalle um 20 uhr.

auf der bühne eine bayerische blaskapelle. unsere kleine gruppe fiel vor allem dadurch auf, dass wir keine tracht trugen und keinen rollator dabei hatten. die nach und nach eintrudelnden weiteren anstaltsinsassen (insiderwitz) fielen durch ihre perücken und kopftücher auf. alles in allem eine sehr interessante mischung. perücke versus gamspinsel sozusagen. nachdem wir das grauen kurz auf uns einwirken ließen und für einen augenblick überlegten, wieder zurückzulaufen und ne runde rommée zu spielen, entschieden wir uns dann doch lieber für ein gläschen wein. von da an nahm der abend einen außerordentlich lustigen verlauf. man sah männer in krachledernen buxen mit riesigen gamspinseln auf dem hut mit frauen, die wippende perücken trugen, polka tanzen. es gab allerlei anzügliche bemerkungen über die relation der jeweiligen pinseln auf den hüten zur größe anderer geschlechtsteile. wir schunkelten. wir tanzten untereinander, also wir frauen, und zwar paarweise. erstaunlicherweise lasse ich mich von elke besser führen als von meinem mann *grübel*. ich hatte das große glück zwischen elke aus dem spreewald („ey, wenn ick mir hier so umgucke, bin ich ick sowas von froh, dass ick meenen vibrator mitjebracht habe“) und heidi-ich trinke-keinen-alkohol aus hessen (nach dem 5. glas rotwein: „ich nehm den da hinten, den mit dem risenpinsel. komm her, du!„) saß.

gegen 9 gab es einen band-wechsel. die bayerische humtata-band kündete ein letztes lied an, ein paar vereinzelte zugabe-rufe ertönten, gefolgt von energischen und deutlich hörbaren „pssscht, halt die fresse, du spast“-rufen, und die nächste band betrat die bühne. hauke und paul, die utersumer könige unter den alleinunterhaltern. der eine konnte nicht singen, der andere nicht gitarre spielen. voll lustig, das. man wusste grundsätzlich nicht, welches stück sie gerade spielten. sangen wir aus vollem halse begeistert „er gehört zu mir“ von marianne rosenzwerg, merkten wir, dass hauke und paul vielmehr „rosamunde“ anstimmten. nun ja. wir waren lauter. und besser. wir überlegten kurz, ob wir hauke und pauke fesseln und knebeln und die bühne übernehmen sollten. als idee schwebte im raum: eine spontandarbietung der 5 tibeter mit zugehörenden leitsätzen (ich öffne mich dem göttlichen licht); eine stepaerobic gruppen-performance; eine mehrstimmige chordarbietung von „hey pippi langstrumpf“, all die wunderbar nützlichen dinge, die wir in den letzten wochen in der reha gelernt haben.

spreewald-elke war es dann auch, die mich zum cowboy-und-indianer-live-act anspornte („los, du tröte, wie lange willste denn noch hier auf der weide stehen?“). ich schämte mich ein bisschen dabei, aber es hat doch auch spaß gemacht 😉 . am nachbartisch saß übrigens unsere reha-sonderguppe *ähem*. wir sind hier ganz schön gemein untereinander. aber da ist am mittwoch ne ganze busladung voller ganz seltsamer gestalten angekommen, von denen man echt nicht weiß, wo sie ausgebuddelt wurden. wir nennen sie sondergruppe. sie sind sehr, hm, speziell. so mit vokuhila, frauen und männer. die männer mit so ganz hochgezogenen hosen, so bis unter die rippen und dort fest mit dem gürtel zugeschnürt, socken und sandalen, die frauen mit strähnchen in der vokuhila, jogginghosen und holzfällerhemden. „ick gloob, ick krieg locken, wa? voll die behindis!“ (zitat spreewald-elke). die sondergruppe fuhr gestern im zelt zu hochform auf und brüllte begeistert „ausziehen! ausziehen!“, als die friesische trachtengruppe einen kreistanz darbot.

gegen 23 uhr hatte ich dann doch genug und war außerdem saumüde. da die anderen noch in feierlaune waren und gerade die pinselhüte untereineinander verschacherten, blieb mir nur der einsame fußweg zurück zur klinik. der einsame, dunkle, fußweg. sehr dunkle fußweg *grusel*. nun bin ich von natur aus ein mutiges menschenkind. aber ich habe auch meine grenzen. als ich gestern einsam und verlassen zunächst 1 km durch ein menschenleeres, dunkles friesendorf tappte, umtobt von stürmischen winden, die ganz laut „huuu-huuuu!“ machten, kamen mir spontan alle frauenmöder-krimis und gruselfilme in den sinn, die ich jemals im leben gelesen bzw. gesehen habe. ui ui uiuiuiuiui. unglaublich, was einem da so in den kopf kommt. ich vermummte  mich ganz in meine schwarze wetterjacke und schlug einen breitbeinigen seemansgang ein, damit all die in den büschen lauernden serienmörder gleich mal wussten, dass ich kein drahtiges blondie, sondern ein fieser friese bin. die letzten 2 km entlang eines spärlich beleuchteten, offenen maisfeld hab ich mir vor angst fast in die hosen gemacht. ich musste mich so davon ablenken, dass in dem maisfeld kein massenmörder kauerte, der mich jeden augenblick hineinzerren und meucheln würde, so dass ich erst tage später, von wilden fasanen angepickt, zufällig entdeckt und als reha-leiche in den schlagzeilen landen würde, dass ich anfing zu singen. lieder vertreiben bekanntlich angst. das einzige lied, das mir in der not einfiel, war: 3 chinesen mit dem kontrabass. das ich zunächst durch alle vokale und anschließend quer durch alle dialekte (besonders attraktiv: die sächsische variante) sang. leute, war ich froh, als ich in der klinik ankam. vor allem: ungemeuchelt.

habt nen schönen sonntag 😆

 

All inclusive Urlaub – inklusive Renate und Willie

der wunderbare artikel von anna-lena weckt in mir erinnerungen: sommer 2006. eine bekannte, spanische insel. ein bekannter ferienclub. all inclusive. mein mann, ich und unsere 3 patchwork-kinder.  alle drei in der pubertät. wir hatten nur gutes gehört und waren voller vorfreude.

wenn ich ehrlich bin, hatte ich schon auf dem weg vom flughafen zum club düstere vorahnungen und fluchttendenzen. eine endlose, graue geröllwüste erstreckte sich nach allen seiten. ab und an ziegen. fressen die ziegen dort steine? die geröllwüste wurde durch künstlich bewässerte grüne parks unterbrochen, die fast ausschließlich zu ferienanlagen gehörten.

so auch zu unserer. von außen sah es eigentlich nett aus. ein großes, helles hauptgebäude, ein großer pool und kleine, schöne bungalows überall. „na„, dachte ich mir, „hab dich nicht so. ist doch schön, wird sicher super hier.“ wir bezogen unseren bungalow, packten schnell aus und machten uns auf den weg zum strand, es war ja noch früh! der strand, tja. er war menschenleer. seltsam, wieso nur? wir bahnten uns zwischen gefühlten 1000 liegen auf der sonnenterrasse, die einem flüchtlingsboot glich, den weg zum strand. kaum waren wir unten, wussten wir warum: der wind blies uns fast von den füßen und wir waren binnen sekunden gesandstrahlt. oha. schwimmen durfte man nicht. also wieder zurück auf die sonnenterrasse.

hier versammelte sich auf einem haufen all das, was man nie, nie im leben auf einem haufen sehen will. nicht mal einzeln will man das sehen. und schon gar nicht im badeanzug. geschweige denn oben ohne. im stringtanga. nach einigem suchen fanden wir 2 liegen und ließen uns darauf nieder. zu den nachbarliegen war etwa 5 cm abstand. wir legten uns hin und wagten einen vorsichtigen blick in die runde. 1000 augenpaare starrten zurück. schließlich löste sich eine frau aus der menge und kam auf uns zu. die erde bebte. voll das alphatier, im stringtanga, blonde dauerwelle, dick mit ordentlich holz vor der hütte. d.h. auf der fußmatte vor der hütte (ich weiß, ist gemein, aber ihr habt die walküre nicht erlebt!). zielstrebig bahnte sie sich ihren weg durch die menge und ließ sich mit baumelnden melonen auf der liege meines mannes nieder.

„tach, ich bin die renate. ich komme aus bochum und bin schon zum fünfzehnten mal hier. mit dem willie. WILLIE, komma her.“

willie kam. klein, schütteres haupthaar, ausgemergelt aber mit bierbauch, sportbadehose und adiletten an den füßen.

„tach, ich bin der willie. die bessere hälfte von renate.“

sprachs und ließ sich auf meiner liege nieder. ungefragt. hey, mein mann und ich sind sehr kommunikativ und gesellig, aber bei einer halbnackten renate samt willie auf der liege ist auch mal gut.

„und iiiiiihr? wie oft seid ihr schon hiergewesen? na los, erzählt mal!“

„gar nicht. und ich bin etwas müde und möchte mich jetzt gerne etwas ausruhen.“

das kam irgendwie nicht gut an. nachdem wir als außenseiter entlarvt wurden, erstarb das gespräch schnell und renate zog samt willie ab und tratschte mit allen über uns. ich hatte in den nächsten 14 tagen den einen oder anderen kampf um die liegen mit renate, da ich zu den menschen gehöre, die badetücher, die morgens schon um 6 auf liegen verteilt werden, herunterzunehmen und die liege zu okkupieren, wenn um 10 immer noch keiner erscheint. ich habe dort dinge gesehen, das glaubt ihr nicht. zum beispiel das: einen mann, der gegen mittag zu seiner mit handtuch belegten liege kam und einen fremden darauf vorfand. es entspann sich ein disput, der darin gipfelte, dass der erstbesitzer die liege mit muskulösen, behaarten armen packte und versuchte, den feindlichen eroberer, wie ein primat schreiend, herunterzuschütteln. isch schwör!

der wind blieb, ist ja auch die insel der starken winde, frau schlau ;-). es regnete auch. das erste mal im august seit 5000 jahren. es war kühl. ich trug 14 tage abends meine 2 pullis übereinander, die ich dabei hatte. ich versuchte mich im all inclusive-sportprogramm. pilates, yoga und tiefenentspannung sowie bauch beine po machen bei starkwind in einem zugigen, offenen pavillon mit meerblick nur begrenzt spaß. merkt euch das. also, was kann man in einem all inclusive club sonst noch so machen? richtig, essen. also aß ich. und aß und aß und aß. mein magen dehnte sich täglich. ich fing an renate zu ähneln.

mein mann segelte den ganzen tag (das durfte man, zumindest ab und an) und war abends so müde, dass er gegen halb 9 dringend schlafen musste. echt ne party, leute. also bin ich abends alleine in die open air disco mit riesiger, ovaler bartheke gegangen. zunächst schaute ich mir die animateur-show an, der man nirgends entkam und erfreute mich allabendlich an animateuren in tierkostümen, die irgendwelche fürchterlichen sachen sangen. und dann ging die party richtig los. YES. jeden abend zur gleichen musik: YMCA, diana ross und falco. echt geil. zu YMCA stürmten alle auf die tanzfläche und machten unter anleitung der animateure diesen YMCA-tanz. kennt ihr den? und dann wurde getrunken, was reingeht. mit steigendem alkoholpegel sank die schamgrenze. was da so auf der tanzfläche und der bar abging ist bar jeder beschreibung. hab meinen lebtach nicht so viele vokuhilas und blonde dauerwellen beim balzen gesehen, wie dort. ich dachte eigentlich, die seien ausgestorben. aber nein, es gibt da diese enklave auf einer spanischen geröllinsel, da ist das noch voll hip.

unfassbar. warum tun menschen so etwas? ich versteh das nicht. ich bin ein lebensfroher, unternehmungslustiger mensch, aber in dieses urlaubsfeeling kam ich nicht rein. sorry, leute. balzende renates und willies beim YMCA-hütchentanz, ne, geh fort!

unsere kinder hatten einen eigenen bungalow und machten die nacht zum tag. ich glaube, wenigstens sie hatten spaß. es war nicht unser letzter cluburlaub. wir waren später in der türkei in einem anderen club und hatten sehr viel spaß, alle. da waren aber auch sehr viele einheimische und die mischung machts. aber auf die vokuhilainsel fahr ich im leben nicht mehr.